Südafrika: Vertragen sich Luxus und Nachhaltigkeit?

Südafrika/Hermanus: Nachhaltigkeit im Grootbos-Hotel

Luxus-Tourismus und Ökologie werden oftmals als Gegensätze gesehen. Dabei gibt es viele Wege, sie miteinander zu verzahnen. Einen hat der Hotelier Michael Lutzeyer gefunden. Wie, das erklärt er im Interview.

Michael Lutzeyer gilt als südafrikanischer Nachhaltigkeits-Pionier. Der deutschsprachige Südafrikaner ist Eigentümer des Grootbos Private Nature Reserve und betreibt in der Nähe von Hermanus bei Kapstadt seit Jahren eine Luxus-Lodge im Hochpreissegment. Seine Vision, nachhaltigen Tourismus zu gestalten, hat längst weltweite Resonanz gefunden. Auch wenn er das nicht klar formuliert: Das Luxusresort fungiert als Geldquelle für seine zahlreichen Nachhaltigkeitsprojekte.

Insekten in Südafrika, Grootbos bei Hermanus, Protea – die typische Pflanze für Südafrika.

Hat es Sie überrascht, dass Nachhaltigkeit plötzlich ein so dominierendes Thema ist?

Nein, aber etwas anderes hat mich überrascht. Ich war fasziniert, dass die Jugend das Thema mit dieser Vehemenz und einem solchen Enthusiasmus umarmt hat. Sie hinterfragt alles und akzeptiert nicht mehr die Antworten, die sie bisher erhalten hat. Ich glaube, das ist genau das, was wir gebraucht haben, um das Bewusstsein nach vorne zu bringen. Durch die Energie der Jugend steigt die Wertschätzung für die Nachhaltigkeit in einer Geschwindigkeit, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Wer da nicht mitmacht, steht an der Haltestelle und hat den Bus verpasst.

Worauf führen Sie es zurück, dass sich gerade die Jugend des Themas so stark annimmt?

Ich würde nicht alles auf Greta Thunberg schieben, aber sie hat das angestoßen. Wir haben jetzt in den Familien Situationen, die es noch nie gab. Da kaufe ich eine Mango und plötzlich fragt mich meine Tochter, wie ich so etwas machen kann. Sie will wissen, wie weit die Frucht transportiert wurde und überlegt, ob der Bauer, der sie züchtet, gut bezahlt wird. Nachhaltigkeit ist plötzlich ein Familienthema. Das setzt sich auch in ganz anderen Bereichen fort. Die Kinder bestimmen beispielsweise ganz entscheidend mit, wohin wir in den Urlaub fahren. Und wir passen uns an. Schließlich wollen wir unsere Kinder thematisch nicht verlieren.

Insekten in Südafrika, Grootbos bei Hermanus,

Im Übernachtungspreis inbegriffen sind die Ausflugstouren in die Umgebung.

Wie wirkt sich das für ein Hotel wie das Ihre aus?

Zum einen hilft uns dieser Mega-Trend, neue Gäste zu gewinnen. Einfach deshalb, weil wir das hier immer schon so gemacht haben. Am ehesten merken wir das beim Essen. Die Leute fragen, wo unsere Lebensmittel herkommen. Wir können ihnen hier zeigen, dass wir Vieles direkt hier auf dem Gelände produzieren. Es gibt aber auch Vegetarier, die nur deshalb kein Fleisch essen, weil durchschnittlich 1000 Liter Wasser nötig sind, um ein Kilo Filet zu produzieren. Die Menschen sind schon sehr aufmerksam geworden.

Südafrika/Hermanus: Nachhaltigkeit im Grootbos-Hotel

Sogar eigene Schweine werden gehalten – natürlich im Freiland.

 Sie haben Ihr Resort 1997 eröffnet. Haben Sie damals schon an Nachhaltigkeit gedacht? Oder kam der Zusatz „Nature“ erst später?

Es ging damit los, dass wir einen Botaniker angestellt haben, Sean Privett. Er ist auch nach 22 Jahren noch mein Mentor und hat mich auf den Nachhaltigkeits-Gedanken gebracht. Er hat mir beispielsweise erklärt, dass wir die einstige Vegetation wiederherstellen müssen. In der Kolonialzeit haben die Niederländer Pflanzen aus Australien eingesetzt, um die Dünen zu stabilisieren. Die wachsen aber viermal schneller als die ursprüngliche Vegetation, überwuchern alles so sehr, dass selbst die Tiere da nicht mehr durchkommen. Privett hat uns vorhergesagt, dass die Eidechsen, Chamäleons, Raubtiere, Perlhühner, das Stachelschwein und der Luchs wiederkommen werden, wenn wir die Fremdpflanzen ausrotten. Dieses ganze Ökosystem baut sich wieder auf. Das ist doch faszinierend!

Grootbos, Südafrika: Ein Hotel setzt auf Nachhaltigkeit, Umweltbewusstes Reisen bei Hermanus

Verbrannte Fläschen sind in Grootbos ein Zeichen des Kampfes gegen Alienpflanzen. Die Samen des ursprünglichen Bewuchses, des so genannten Fynbos (Feiner Busch) im Boden erhalten geblieben. Sobald gerodet ist, wächst Einheimisches nach.

Das hat tatsächlich funktioniert?

Ja, wir haben sogar Korridore geschaffen, dass die Tiere wandern können. Inzwischen zeigen wir unseren Gästen Luchse und Stachelschweine, die wir mit Nachtsichtkameras aufnehmen. Die Natur braucht heute Hilfe. Auch wenn das vielleicht seltsam klingt.

Insekten in Südafrika, Grootbos bei Hermanus,Ist es nicht finanziell extrem aufwändig, diese Ideen umzusetzen?

Die erste Frage ist nicht, ob das finanziell einen Sinn macht. Ich habe eine andere Einstellung. Nur wenn wir etwas Gutes tun, wird es sich auch finanziell rentieren. Dann hat man die Möglichkeit, weiterzuarbeiten und beispielsweise Schulen oder eine eigene Tierzucht zu bauen, die nach den eigenen Vorstellungen arbeitet.

Insekten in Südafrika, Grootbos bei Hermanus, Hoteleigene Farm baut Gemüse an

Die hoteleigene Farm baut das Gemüse für den Verzehr in dem Resort an.

Offensichtlich hat dieser Gedanke funktioniert. Immerhin haben Sie viele kleine Firmen rund um das Hotelgelände angesiedelt…

Es gibt nun seit Längerem hier eine eigene Gärtnerei, eine Imkerei, das professionelle Recyceln von heruntergebrannten Kerzen, Computerkurse und Rodungsaktionen nicht einheimischer Pflanzenarten. Im Ort haben wir ein Sport-Trainingscenter auf einem schon fast professionellen Gelände aufgebaut.

Südafrika/Hermanus: Nachhaltigkeit im Grootbos-Hotel

Mittels der Insekten-Fangstation stellt man fest, welche Insekten auf welchem Teil des Geländes leben.

Ein neues Projekt ist das Sammeln und Registrieren von Insekten. Sie haben außerdem Zeichner engagiert, die das jeweilige Insekt und die Pflanzen, die es bestäubt, nahezu dreidimensional zeichnen.

Das hat ganz einfach den Grund, dass ein Foto nur zweidimensional ist. Und wenn ich hochwertige Abzüge dieser Zeichnungen verkaufe, kann ich das Projekt dadurch teilweise refinanzieren. Wenn ich vor fünf Jahren gesagt hätte, wir sammeln Insekten, hätten mich die Leute für einen seltsamen Typen gehalten. Da waren Insekten nichts anderes als Ungeziefer. Aber wenn wir die Insekten nicht bewahren, haben wir irgendwann keine Vögel und Fledermäuse mehr. Inzwischen fragen die Gäste nach, ob sie unsere Forschungsstation und die enorme Vielzahl der Insekten hier ansehen können. Es ist seltsam. Aber manchmal muss es fünf Minuten vor zwölf sein, um etwas Wichtiges zu erkennen.

Südafrika/Hermanus: Nachhaltigkeit im Grootbos-Hotel

Teil des beinhalteten Exkursions-Programmes ist auch eine Höhlentour am gut drei Kilometer entfernten Strand.

Seit 16 Jahren führen sie die in Deutschland ansässige Grootbos-Stiftung, die unter anderem Jugendlichen bei der Berufsberatung hilft. Warum ausgerechnet eine Stiftung in Deutschland?

Das ist ganz einfach. Eine Stiftung muss keine Steuern zahlen und es fallen einige Abgaben weg. Wenn beispielsweise ein Gast so begeistert ist, dass er mir für die Nachhaltigkeitsprojekte 1000 Euro überweisen will, weise ich ihn auf die Stiftung hin. Oft stockt er die Summe dann auf 2000 Euro auf, weil er weiß, dass er das in Deutschland steuerlich absetzen kann. Inzwischen ist die Stiftung so erfolgreich, dass ich 45 Leute in Vollzeit beschäftigen kann.

Insekten in Südafrika, Grootbos bei Hermanus,

Bei der Exkusion werden die Pflanzen erklärt, immer dabei: Die Nationalblume Protea.

Wäre es für Sie kein Projekt, diese Nachhaltigkeit auch in einem Guesthouse oder Hotel zu praktizieren, das auch ganz normale Gäste bezahlen können? Immerhin kostet das Doppelzimmer mit Frühstück und Abendessen für zwei Personen gute 700 Euro.

Natürlich könnte man sagen, ich baue ein Drei-Sterne-Haus. Und man könnte argumentieren, warum ich dem normalen Kunden die Möglichkeit entziehe, hier zu übernachten. Der Grund ist ganz pragmatisch. Ein ganz großer Teil des Gewinnes von Grootbos geht auf den Hotelbetrieb zurück. Im Drei- und Viersterne-Bereich dagegen würde mir sehr viel weniger Geld für die Projekte übrigbleiben – und der Betrieb zudem sehr viel mehr Arbeit machen als dieses Hotel. Diese Zeit würde dann für die Nachhaltigkeitsprojekte fehlen.

Südafrika/Hermanus: Nachhaltigkeit im Grootbos-Hotel

Die kleinen Gemüsebeete gehören auch zur Farm und zum Hotel.

Auf was muss man achten, wenn man ein nachhaltiges Hotel neu bauen will?

Zunächst einmal so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen und viel zu recyclen. Ganz sicher bräuchte man eine eigene Stromversorgung und müsste mit Solarkollektoren arbeiten. Wenn man nachhaltig sein will, muss man natürlich Materialien verwenden, die nicht umweltschädlich sind. Mit am wichtigsten ist es aber, die Menschen vor Ort einzubinden. Was nützt denen das schönste Nachhaltigkeits-Konzept in ihrer Umgebung, wenn sie selbst nichts zu essen haben. Es wäre für mich die schönste Challenge, ein neues Hotel zu bauen. Da würde ich mich richtig reinknien. Das würde mich total begeistern.

Grootbos, Südafrika: Ein Hotel setzt auf Nachhaltigkeit, Umweltbewusstes Reisen bei HermanusWürden Sie dann auch auf die Badewannen in den Zimmern verzichten? Die wirken in einem Öko-Resort wie dem Ihren ein wenig deplatziert…

Wenn ich heute sage, ich habe null Badewannen, verliere ich vielleicht zehn Prozent der Gäste. Aber auch nur deshalb, weil die Gäste noch nicht so weit sind. Also mache ich lieber eine Badewanne rein. Wenn ein Gast nachhaltig denkt, benutzt er sie nicht. Klar ist das ein kleiner schwarzer Punkt auf dem Konto, aber der Gast trägt trotzdem dazu bei, dass wir unsere Vorstellungen von Nachhaltigkeit hier weiterführen können. Unsere Schulen, die Forschung und die Renaturierung der Landschaft.

Grootbos, Südafrika: Ein Hotel setzt auf Nachhaltigkeit, Umweltbewusstes Reisen bei Hermanus

Die mit Wanne ausgestatteten Zimmer

Luxus bedeutet, mehr zu konsumieren, als man tatsächlich benötigt. Sich der Wortbedeutung nach also einen Luxus zu genehmigen. Wie passt das mit der Nachhaltigkeit zusammen?

Oh, jetzt muss ich kurz darüber nachdenken, ob es stimmt, wie Sie das definieren. Ich würde sagen, dass wir zwar Luxus, aber nichts Überflüssiges anbieten. Für mich persönlich ist Luxus ohnehin eine andere Sache. Luxus ist für mich, an einen Ort zu kommen, an dem ich das Gefühl habe, dass die Welt noch in Ordnung ist. Dass hier achtsam mit der Natur umgegangen wird, dass es kein Stück Plastik gibt und ganz bewusst nachhaltig gearbeitet wird. Ich habe dadurch, dass ich hier übernachte, dazu beigetragen, dass sie beispielsweise auf die Insekten aufpassen können. Wie will ich denn ansonsten unseren Fünf-Sterne-Kunden beeindrucken? Fünf Flatscreens und High-Tech-Kaffemaschinen hat er ohnehin schon zuhause stehen. Ich muss ihm etwas bieten, bei dem er neben einer außergewöhnlichen Wohnmöglichkeit auch einen Beitrag leisten kann, etwas Positives zu bewirken.

Grootbos, Südafrika: Ein Hotel setzt auf Nachhaltigkeit, Umweltbewusstes Reisen bei Hermanus

Wanderung durch den Busch bei Grootbos

Der Begriff Nachhaltigkeit wird heute fast schon inflationär verwendet. Ist nicht zu befürchten, dass er bald an Wert verliert?

Nein, überhaupt nicht. Der Kunde oder der Hotelgast ist heute so sehr sensibilisiert, dass er sofort durchblickt, was wirklich nachhaltig ist und was nicht. Der fragt nicht mich. Er unterhält sich einfach mit einem Angestellten und braucht keine halbe Stunde, um zu durchblicken, ob das alles ehrlich ist oder nur Fake.

Zur Person

Südafrika, Grootbos bei Hermanus,

Michael Lutzeyer

Michael Lutzeyer ist 67 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder (32 und 34) sowie zwei Enkel mitzwei und fünf Jahren. Er betreibt seit 1997 in Südafrika das Grootbos Nature Reserve bei Hermanus. Sein schon mit etlichen Preisen honoriertes Nachhaltigkeits-Konzept wurde vor Kurzem mit dem African Responsible Tourism Award ausgezeichnet. Reitausflüge, von eigenen Guides geführte Wanderungen durch das Reservat und Ausflüge ans Meer und entlang der Küste sind für die Hotelgäste kostenlos. Auf Anfrage werden auch für externe Gäste geführte Touren durch das Reservat angeboten. Jeder Gast wird gebeten, neben dem dem Übernachtungspreis einen selbst gewählten Betrag für die Nachhaltigkeitsprojekte zu spenden.

Anreise: Zum Grootbos Nature Reserve kommt man am besten per Auto von Kapstadt aus über die Garten Route. Weitere deutschsprachige Informationen zu Südafrika finden unter www.southafrica.net

Das Interview mit Michael Lutzeyer führte Gerhard von Kapff auf seiner jüngsten Südafrika-Reise. Der Journalist und Buchautor liebt vor allem Aktiv-Reisen und Herausforderungen. Wenn es nicht sicher ist, ob er sein Ziel erreichen kann, fängt für ihn der Spaß erst an. Schon aus diesem Grund heißt seine Seite abenteuer-zum-nachmachen.com

Du willst mehr über Südafrika lesen? In meinen weiteren Artikeln kannst du etwas über die Walbeobachtung bei Hermanus finden. Wunderschön ist auch der Addo-Elefantenpark – auch mit Kindern. Tipps für Kapstadt habe ich hier gesammelt und hier erfährst du, ob sich eine Safari mit Kindern zum Pilanesberg lohnt. Auf jeden Fall lohnenswert ist eine Tour durch die Townships. Tipps zum Autofahren in Südafrika findest du ebenfalls bei mir.

1 Kommentare

  1. away on a trip

    Ein toller Beitrag und wichtig für Südafrika. Das Thema Nachhaltigkeit ist auch in unserer Familie ein großes Diskussionsthema. Meine Kinder, die heute Studenten sind, erinnern mich daran meine Verhaltensweisen neu zu überdenken.
    Liebe Grüße Andrea

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