Frieslands Zauberwald

Neuenburger Urwald, Zetel, Ostfriesland, schönster Wald, Zauberwald

Friesland kann nicht nur platt und weit. Zwischen Zetel und Neuenburg findet sich ein ganz besonderer Wald: Der Neuenburger Urwald.

1. Im Neuenburger Urwald

Ich war am Wochenende in einem Zauberwald. Anders kann man dieses Stück Natur gar nicht bezeichnen. Die Friesen nennen ihn Urwald, doch das ist wieder einmal typisch friesisch untertrieben. Man ist im Norden eben nicht schnell bei der Sache mit großen Worten, schon gar nicht mit Superlativen. Also steht Urwald auf dem am Eingang des Waldes geschrieben. Allein das ist ja schon etwas Seltenes in Deutschland. Doch der Neuenburger Urwald ist viel mehr als das. Ich habe bislang keinen Wald gesehen, der derart besonders ist.

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Das Schild am Eingang des Waldes.

Vielleicht lag es am Wetter. Es schüttete wie aus Eimern, als ich mich in nachtschlafender Frühe auf den Weg gen Norden machte. Ich mag es sehr, wenn der Regen im Wald alles sauber wäscht. Und doch hatte ich Sorge, denn es war kein Spaßbesuch. Ich musste für mein Buchprojekt mit brauchbaren Fotos wiederkommen. Wie soll das gehen bei platschendem Regen? Zur Not eben mit dem Handy, hatte ich als Alternative im Kopf. Das hat schon im strömenden Regen auf Borkum geholfen, um die Optiken der Kamera nicht in Gefahr zu bringen.

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Ein solches Grün gibt es doch eigentlich nur im Mai, oder? Und im Oktober in Zetel.

2. Herrlich alte Eichen

Von der Straße aus sah der Wald trotz der auf Hochbetrieb laufenden Scheibenwischer ganz anders aus als die Forsten, die ich so kenne. Knorrige, alte Eichen zeigten sich am Rand als erste Boten des Urwaldes. Und das noch im schönsten Herbstkleid.

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Eichen und Lichtungen bestimmen den Neuenburger Urwald.

Genau mit dem Zeitpunkt meiner Ankunft schenkte mir der Wald seinen Zauber Nummer 1. Der schüttende Regen wechselte just in der Sekunde in ein feines Nieseln. Unter den Füßen platschen und schmatzten meine Schritte, außer mir war niemand sonst unterwegs, verständlich bei diesem Wetter. Ich orientierte mich an der Karte und wählte einen Weg, der zur Jagdhütte führen sollte. Geschätzt wäre ich eine halbe Stunde unterwegs. Passte prima zu meinem Zeitplan.

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Kunstwerk von Menschenhand im Urwald bei Zetel.

3. Farbrausch und Leuchten

Daraus aber wurde leider nichts, denn schon als ich in den Wald einbog, musste ich erstmal innehalten und vergaß auch glatt die Kamera. Ich bin jeden Tag im Wald, aber das verschlug mir wirklich den Atem. Dunst stieg von den Wegen auf, die Bäume und Blätter wirkten wie frisch lackiert und der Wald breitete seinen Zauber Nummer 2 aus: Es war, als wohne ihm ein Leuchten inne.

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Der ganze Wald leuchtet intensiv

Alles leuchtete in einer unglaublichen Intensität, aber nicht von der Sonne angestrahlt, sondern wie von innen heraus. Erst jetzt sah ich etwas, was mir früher noch nie aufgefallen war: Wenn der Herbst kommt, verfärben sich die Blätter nicht nur goldgelb, orange und rot, sondern auch maigrün. Sie leuchteten mir in einem Ton entgegen, den ich eigentlich nur aus dem Frühling kenne, wenn alles grade knospet. Frühling im Herbst. Das habe ich noch nie erlebt.

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Da kann man nur stehenbleiben und staunen.

4. Der Duft des Regens

Ich dachte mir, welch Geschenk der viele Regen war und was für ein Glück ich hatte mit dem Zeitpunkt seines Aufhörens. Nun kam sogar die Sonne durch. Ich mag Regen. Und ich mag es auch, bei Regen draußen zu sein, aber eben nicht mit der Kamera. Der Wald ist wohl am schönsten nach dem Regen. Es ist wie im übertragenen, psychischen Sinne auch: Manches muss abgewaschen werden, um die Reinheit wieder zu finden. Deswegen mag ich Tränen auch. Aber das ist ein anderes Thema.

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Pfützenpoesie

Nachdem sich meine Augen schon an das immense Leuchten des Waldes gewöhnt hatten, nahm ich erst den würzigen Duft wahr. Waldregenluft – etwas so Lebendiges, Inspirierendes, dass ich gleich vom Zauber Nummer 3 gebannt war. Übrigens hat dieser Duft nach dem Regen sogar einen eigenen Namen: Petrichor heißt das olfaktorische Phänomen, wenn Regen auf trockene Erde trifft. Und ich konnte mich kaum sattriechen.Neuenburger Urwald, Zetel, Ostfriesland, schönster Wald, Zauberwald

Mein Zeitplan war utopisch und schnell über den Haufen geschmissen. Ich hab mich kurzerhand entschlossen, einfach den Moment zu genießen, mich auf einen nassen Stamm gelegt und mir die von den Bäumen fallenden Tropfen ins Gesicht platschen lassen. Waldbaden light vielleicht.

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Waldbaden

5. Ein Wald wie ein Skulpturenpark

Der November gehört zu meinen Lieblingsmonaten, denn ich mag diese Zeit aus Vergehen, Rückzug und das Gewesene mit Farben und Fröhlichkeit zu verabschieden. Und ich liebe den Nebel, der sich wie ein Schleier auf die Welt senkt. Vor allem mag ich den Aspekt des Novembers, der weiß, dass alles im Leben ein Ende hat. Das Wissen um dieses Ende ist ein Geschenk, das große Tiefe schenken kann.

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Die Baumskulptur zeugt vom Kreislauf des Werdens und Vergehens.

Zauber Nummer 4: Wie Altes vergeht und Neues entsteht, dafür steht wohl kaum ein anderer Wald so sehr wie der Neuenburger Urwald. Dort werden die alten Bäume nämlich stehen gelassen, anstatt sie zu fällen. Pilze, Wetter und Käfer haben aus einst stolzen Eichen einzigartige Stümpfe geformt, die aussehen wie ein Skulpturengarten. Neuenburger Urwald, Zetel, Ostfriesland, schönster Wald, ZauberwaldManche sind umgefallen, manche mannshoch und wieder andere sind hohl, so, als würden Zwerge in ihnen wohnen. Möglicherweise tun sie das ja auch. Vor allem um die Jagdhütte herum finden sich viele alte Baumskulpturen.

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Der Duft des Regens

6. Warum ist der Neuenburger Urwald kein Forst?

Dass dieser Wald in Ruhe seinen Kosmos selbst pflegen kann, wie es ihm als Urwald ja zusteht, das haben die Friesen schon im Jahr 1880 entschieden, als sie den Hudenwald unter Schutz stellten. Tatsächlich wirde dort nicht gesägt und gefällt, sondern alles sich selbst überlassen. Ein Konzept, das Früchte trägt. Nicht nur die Pflanzenpopulation ist auffällig, ebenso die Pilzwelt. Und dass die Bäume besonders viele Höhlenbrüter wie etwa Spechte locken, leuchtet ebenso ein. Es ist eben nicht dieser typische, deutsche, dichtgepflanzte Nutzforst, sondern einer mit zauberhaften Lichtungen und knorrigen Bäumen, die einfach so sein dürfen, wie sie sind, anstatt als Schrankholz oder Parkettboden verplant zu werden.Neuenburger Urwald, Zetel, Ostfriesland, schönster Wald, Zauberwald

Es ist ein Wald, bei dem man gar nicht anders kann, als an Orten zu verweilen, deswegen sollte man sich auf jeden Fall Zeit für den Besuch mitbringen. Wer mag, kommt mit Picknick, die Jagdhütte sorgt fürs Trockenbleiben auch bei schlechtem Wetter. Doch schlechtes Wetter gibt es eigentlich nicht im Wald.

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Die Jagdhütte im Urwald

Der Neuenburger Urwald ist erreichbar über die Bundesstraße 437, es gibt auch eine schöne Gaststätte, den Urwaldhof. Und wer eine Wanderkarte für den Neuenburger Urwald sucht, wird unter dem Link fündig. Es gibt die Karte auch als PDF zum Download.

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Das könnte auch Südamerika sein.

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6 Kommentare

  1. Zauberwald pur !!! Mutig das du so völlig alleine durch den Wald trabst ! Trotz Regen sind doch einige schöne Fotos dabei die vor allem die Stimmung zeigen.
    Ganz toll möchte ich das Bild wo du auf dem Baumstamm liegst hervorheben. Das hat definitiv das gewisse etwas. Auf die Idee muss man erst mal kommen !
    Ich denke das ein oder andere kannst du für dein Buch gebrauchen !
    LG Manni

    • Lieber Manni, danke! Wieso mutig? Ich finde ja, dass Wälder eher ein Schutzraum sind und habe auch im Dunkeln keine Angst. Und ich mag diese Taschenlampengänger nicht, sondern gehe ganz ohne Licht im Dunkeln in den Wald 🙂 Aber das nur am Rand. Ich danke dir für den Kommentar, ich muss unbedingt wieder meinen WordPress-Account reparieren 🙂
      Das Baumstammbild ist lustig: Ich wollte ein Bild für das Buch machen, arbeitete also mit Stativ etc. Und dann war es auf dem Stamm so schön und ich sowieso nass, dass ich da gleich erstmal liegen blieb und mich beregnen ließ. Danke also für deine Worte, denn das Foto entstehen zu lassen war echt Arbeit. So allein Fotos von sich zu machen, ist irgendwie doof und macht keinen Spaß, deswegen freut mich dein Kommentar umso mehr.
      Liebe Grüße

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