Wandern in Marseille: Ab in die Calanques!

Wanderung durch die Calanques bei Marseille, Aussicht auf Schluchten und felsen und Fjorde

Nur einen Katzensprung vom Stadtzentrum Marseille entfernt, beginnen die Calanques. Ein einzigartiges Naturschutzgebiet aus Klippen, Fjorden und türkisgrünem Meer. Perfekt zum Wandern.

#Mit dem Greeter in die Calanques

Einen Greeter hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt: So ein junger, hipper Typ, der den Touristen seine Stadt zeigt. Sie aus purer Freude herumführt, ehrenamtlich anstatt dafür Geld zu nehmen. In diesem Fall gab es den Greeter in Marseille. Den Stadtrundgang hatte ich schon hinter mir und wollte nun in die Natur – mit einem, der sich in den Calanques richtig gut auskennt.

Wanderung durch die Calanques bei Marseille, Aussicht auf Schluchten und felsen und Fjorde

Gérard kennt jeden Weg.

Die Calanques rufen mich schon sehr lange. Und nun endlich passt es und ich bin da. In Südfrankreich. Es ist Januar und ich bin in der Provence, weil ich einen Vortrag über Blogger und Pressearbeit halte. Und nebenbei schaue mir etwas von der Landschaft an, also die Calanques.

Wanderung durch die Calanques bei Marseille, Aussicht auf Schluchten und felsen und Fjorde

Gérard erklärt mir die Heilkräuter in den Calanques.

Wetterfest für den Mistral

Leichtfüßig und beschwingt kommt Gérard um die Ecke. Ein kleiner Rucksack auf dem Rücken und eine rote Pudelmütze auf dem Kopf. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, dass Jaques-Yves Costeau vor mir steht. Gérard hat ebenso ein markantes Gesicht mit einer großen Nase, diesen offenen, fröhlichen Blick und versprüht so viel Lebensfreude. “Hast du dich warm genug angezogen”, fragt er. “Wir haben Mistral und an den Calanques herrscht ein ziemlicher Wind.” Er selbst trägt nur eine leichte Fleecejacke. Ich hole trotzdem brav meine Regenjacke. Und los geht es.

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Lichter Wald an den Calanques

Wandern hält fit

Zunächst zeigt er mir den Hafen in Marseille und will mir dort alles erklären, doch ich habe schon gestern viel gesehen und kann den Abstecher in die Natur nicht abwarten. Also dann: Auf in die Bahn und den Bus zu den Calanques. Munter stehen wir in der Metro und ich überlege das erste Mal, wie alt Gérard wohl ist. So Ende 60? Als könne er Gedanken lesen, fragt er mich just in dem Moment: “Rate wie alt ich bin”. Und bei meiner Antwort lächelt er zufrieden und sichtlich geschmeichelt zurück: “Ich werde im Mai 78!” Hola! Das hätte ich jetzt nicht gedacht. “Wandern und das Draußensein hält mich fit”, verrät er sein Geheimnis. “Ich koche jeden Tag für mich und sammle viele meiner Kräuter und Gemüse in der Natur.” Was er dort so findet, wird er mir bei unserem Rundgang erzählen.

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An den schroffen Felsen kann man gut Klettern, alsi Bouldern.

Durch den Park ans Meer

Wir steigen in Luminy aus. An der Endstation der Buslinie liegt die Universität von Marseille. Ich beneide die Studenten ein wenig, die nach der Vorlesung gleich eine Runde wandern oder Joggen gehen können und so nah am Meer sind. Wir gehen eine gute halbe Stunde durch einen kleinen Park mit Bänken, duftenden Kiefern und Kermes-Eichen.

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Der Weg von der Uni zu den Calanques.

Der Kies knirscht unter den Füßen, Jogger und Familien sind ebenso unterwegs zu den Klippen. Noch erkenne ich nichts als Wald, doch bald wird der Blick weit und ich sehe das Meer in der Ferne glitzern. Wir sind mitten in den Bergen, die sich wie das Plisée eines Faltenrockes an der Küste aufwerfen.

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Typisch Calanques: Steile Felsenwände und Pinien.

Überraschung am Abgrund

Als wir um eine Ecke biegen, bittet mich Gérard, die Augen zuzuhalten. Er führt mich an der Hand weiter, ich fühle, dass wir den Weg verlassen und etwas querfeldein gehen. Dann sagt er: “Regarde” – und mein Herz macht einen Sprung. Ich stehe nah an einem Abgrund, tief unter mir funkelt das türkisgrüne Wasser in einem Hafenbecken. “Morgiou”, nennt der Guide den Namen des kleinen Ortes. “Ist es nicht wunderschön?” fragt er lächelt, als hätte er mir gerade ein Weihnachtsgeschenk überreicht. Irgendwie fühlt es sich auch genauso an.

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Was für ein Blick auf die Küste.

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Viele Inselschen prägen die Calanques.

#Das verschollene Flugzeug von Saint-Exupéry

Gérard kennt den Namen jedes Felsens und kann auch zu fast jedem eine Geschichte erzählen. “Siehst du diese Insel dort? Sie heißt Riou”, beginnt er, holt tief Luft und erzählt, dass ein Fischer dort 1998 ein silberes Armband mit dem eingravierten Namen Antoine de Saint-Exupéry gefunden hat. “Er war irgendwo über dem Mittelmeer abgestürzt und seit 1944 wusste niemand wo. Plötzlich taucht dieses Armband auf.” Eine Sensation. Doch die Hinterbliebenen des Autors wollten keine Nachforschungen anstellen, so ruhte die Geschichte. Bis zwei Jahre später ein Taucher das Flugzeugwrack ausfindig machte. Es wurde inzwischen geborgen und eindeutig als Flugzeug des Autors identifiziert.

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Auf dem Weg zum Aussichtspunkt

#Wetterphänomene der Calanques

Gérard ist in seinem Element. Zeigt mir Felsen, die aussehen wie Drachenköpfe und romantische Picknickplätze. Plötzlich weist er in den Himmel, auf die Kondensstreifen eines Flugzeugs: “Das Wetter ändert sich. Wenn man die weißen Streifen sieht, wird es schlechter und Wolken ziehen auf.” Bei trockener Luft und Sonne gäbe es keine Kondensstreifen. Woher er das weiß? “Ich bin viel draußen und beobachte die Natur”, sagt er und zeigt mir Rosmarin, der zu hauf am Wegesrand wächst. Der Mistral pfeift kalt um unsere Ohren, ich bin froh, dass ich eine Windjacke eingepackt habe. “Die Felsen sammeln die Wolken, pass auf, in ein paar Stunden wird der Himmel bewölkt sein”, meint Gérard. Und natürlich wird er Recht behalten.

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Rosmarin wöchst in den Calanques.

#Kräuter der Calanques

Er zeigt mir Felsen, die fürs Klettern geeignet sind und eine Spitze der Klippen, zu der er hinaufklettert und sich den letzten Teil des Weges an einem Drahtseil hinaufzieht. Mit 77! Ich frage mich grade, ob ich das wohl auch schaffen würde. Dann gräbt er am Wegesrand und zeigt mir wilden Spargel. “Ich hole meinen Spargel immer hier. Nur noch wenige Wochen, dann geht es wieder los. Ich freu mich schon drauf. Der Spargel der Calaques schmeckt viel würziger.” Thymian, Rosmarin, sogar wilde Petersilie und wilder Lauch klammern sich an die steilen Felsen. Aleppo-Kiefern, Myrten und Olivenbäume wachsen dort ebenso. Woher sie Wasser und Nährstoffe bekommen, bleibt mir ein Rätsel, denn das Wasser verschwindet in den porösen Steinen sofort und Erde gibt es auch nicht wirklich.

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Zwillingsgipfel der Calanques – schwer zu erklimmen.

#Tiere der Calanques

Die Pflanzen auf dem kargen Boden bleiben nicht das einzige Rätsel der Calanques. Als Gérard auf eine Kuhle im Boden zeigt, staune ich umso mehr, als er mir sagt, dass sie von Wildschweinen stamme. Ich dachte zunächst, mein Französisch hätte mich verlassen, aber er hatte sanglier gesagt. Ich frage zur Sicherheit noch mal auf Englisch nach. Tatsächlich. Wildschweine, hier. Und manchmal sind sie sogar am Strand und futtern die Reste, die die Touristen beim Picknick liegen gelassen haben. Neben Wildschweinen fühlen sich Tiere wie Bonelli-Adler, Fledermäuse, Füchse, Marder und Eidechsen an den Klippen wohl. Und natürlich Möwen.

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Aussicht auf Port Morgiou.

Teepause

Wir machen Rast, er bietet mir einen Schluck Thymian-Tee an, mit Honig gesüßt. “Gibt Kraft,, schmeckt lecker und beides ist natürlich aus den Calanques”, meint er. Dazu isst er, ganz der Wanderer, Trockenobst, weil das schnell Kraft gibt. Manchmal, so erzählt er, wandert er hoch bis zu den Spitzen der Berge, das letzte Stück so steil, dass er sich am Eisenseil festhalten muss. Und manchmal macht er Nachtwanderungen bei Vollmond. “Ich fühle mich zu jung, um nicht rauszugehen”, sagt er.

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Prt Morgiou liegt einfach zauberhaft

Und dann erzählt er mir Geschichten. Trauriges und Witziges aus seinem Leben, aus der Heimat seiner Eltern, Armenien. Und viele Geschichten, die er mit anderen Gästen erlebt hat. Dass er oft in andere Länder eingeladen wird und Menschen besucht, die er einst auf Touren mitgenommen hat. Er ist mit ganzen Herzen Greeter.

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Schattenplätze sind rar in den Calanques.

#Was ist ein Greeter?

Die Idee zu dieser Organsation stammt aus New York, dort wurde 1982 die erste Sektion der Greeter gegründet, um das Image der Stadt aufzubessern und Touristen in Kontakt mit den Menschen am Urlaubsziel zu bringen. Die Stadtführung mit dem Greeter als Guide ist eine Alternative zu der oftmals eher kulturell geprägten, professionellen Stadtführung. Ein Greeter zeigt seine Stadt mit seinen Augen. Inzwischen gibt es das Greeternetzwerk überall auf der Welt, auch in Bremen und Berlin. Die Greeter arbeiten ehrenamtlich, die Stadtführungen gibt es gratis. Auch in Marseille sind die Greeter tätig, mehr Informationen gibt es hier. Oftmals sind Greeter Menschen die Gérard, die sich in ihrer Stadt besonders gut auskennen und sie einfach aus Freude anderen Menschen zeigen möchten.

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Manchmal geht es steil hoch in die Calanques.

Die schönsten Touren

Tagelang kann man die Calanques durchstreifen und immer wieder Neues entdecken. Zu den schönsten Touren gehört der Ausflug nach En-Vau. einem Teil der Calanques, an dem das Wasser in besonders vielen verschiedenen Türkistönen schimmert. Ganz nebenan befindet sich Port Pin, das mit seinen Kiefern am Ufer schönen Schatten spendet. Und an der Calanque de Triperie befindet sich der Eingang zur Cosquer Höhle mit ihrem riesigen Kamersystem, leider liegt der Eingang unter Wasser. Doch es gibt auch andere Höhlen, zu denen er manchmal auch nachts mit Besuchern wandert. Bei so vielen schönen Geschichten verpasse ich fast die schönen Blicke, die sich die ganze Zeit vor mir ergeben. Viel zu früh ist die Wanderung vorrüber und wir sitzen wieder im Bus nach Marseille. Doch dieses Mal schweigsam. Es ist, als würden wir beide noch die Erinnerungen an die schönen Panoramablicke genießen. “Ja, ich lebe hier im Paradies”, sagt Gérard. “Und das möchte ich den Menschen gerne zeigen.”

Wanderung durch die Calanques bei Marseille, Aussicht auf Schluchten und felsen und Fjorde

Ein schöner Platz für eine Teepause, oder?

#Per Bus in die Calanques

Und das Beste am Paradies? Es ist per Bus zu erreichen. Jedenfalls von Marseille aus. Wer mit dem Bus in die Calanques fahren will, nimmt zunächst die Metro in Marseille bis zur Haltestelle Castellane. Von dort geht es in den Bus Nr. 21 in Richtung Luminy bis zur gleichnamigen Endhaltestelle. Es dauert etwa 20 Minuten.

Offenlegung: Die Reise wurde unterstützt von der Region Sud und dem französischen Fremdenverkehrsamt. Danke dafür!

Mehr über Marseille habe ich hier geschrieben, in dem Post stelle ich einen ganz besonderen Laden vor. In diesem Post nehme ich Euch mit auf einen Stadtrundgang durch Marseille.

11 Kommentare

  1. vom Norden ( Nordsee ) heute mal wieder in den Süden ( Mittelmeer ) ! Muss doch super interessant sein soviel zu reisen und neue Dinge Länder und Landschaften kennenzulernen von den Menschen ganz zu schweigen ! Ich Frankreich muss ich leider schon wieder passen ! War nie mein Reiseland bis auf eine Ausnahme !!
    Hast wieder einen tollen Bericht hier abgeliefert und die Landschaft ist schon sehr schön ! Toll natürlich die Aufnahme mit Blick in die Hafenbucht ! LG Manni

    • Lieber Manni, danke dir, ja, es ist toll. Manchmal aber auch echt viel, aber ich will nicht klagen über das Reisen, wo kömen wir denn da hin 🙂 Nur reise ich grad so viel, dass manche Texte etwas länger warten müssen, bis ich sie hier zeige 🙂 ich weiß ja, du hast es mehr mit blau-weiß. Da kommt auch noch was. Liebe Grüße

  2. Blöd ist halt in deinem Blog dass ich nie eine Antwort bekomme das du auf meinen Kommentar geschrieben hast. Ich weiß nicht warum aber auf meinem Reader erscheinst du aber das war es dann auch !! Freue mich auf blau/weiß

  3. away on a trip

    So ein wunderschöner Bericht über die geniale Landschaft neben Marseille und du lernst auf deinen Reisen immer wieder einzigartige Menschen kennen. Deine Wanderung in diesem Teil Südfrankreichs im Januar sieht so schön aus und die Aussicht in die Hafenbucht ist unbeschreiblich schön!
    LG Andrea

  4. Hallo Andrea, ich habe mich sehr gefreut Deinen Artikel über die Calanques zu lesen. Er vermittelt einen tollen Eindruck über diese fantastische Landschaft. Nächstes Mal musst Du die Calanques mit einem Kayak erkunden. Bis sehr bald wieder Jerome

  5. Ein wirklich wunderschöner Ausflug durch die Calanques! Ich konnte beinahe den Wind und die frische Luft spüren. 🙂
    Wahnsinn auch dein Greeter! In dem Alter die Hügel hochzukraxeln… so fit zu sein wünsche ich mir für später auch!

    Ganz liebe Grüße!

    • Oh, das freut mich aber, wenn ich so anschaulich geschrieben habe. Die Calanques haben es mir auch echt angetan und ich bin noch immer ganz verliebt. Und der Greten war sowieso Weltklasse. Lieben Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße

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