Waldzeit und die Winterreise ins Innere

Waldzeit, Reise ins Innere,

Kein Koffer steht im Flur, kein Ticket liegt ausgedruckt in meiner Tasche, ich nehme noch nicht mal ein Portemonnaie mit. Doch ist das Gefühl dasselbe. Aufbruchstimming gepaart mit  Ablehnung und Nichtwollen. Einfach kneifen und zu Hause bleiben. Ich weiß genau, was mir bevorsteht. Stunden der Unbequemlichkeit statt Sofazeit. Lange unterwegs sein, bevor ich endlich ankomme. Gleich wird mir der Wind um die Nase wehen und der Regen ins Gesicht prasseln. Doch der Entschluss steht, es ist nichts zu machen – gleich geht es auf Reise. Keine besondere. Eigentlich.Waldzeit, Reise ins Innere,

Aufbruch

“Nur” eine Wanderung durch meinen Heimatwald. Das ist keine Reise? Und ob! Meistens ist das eine viel größere Reise als die im Äußeren. Waldzeit, heute mit Techniken verfeinert und dann  Waldbaden genannt, ist für mich so lebensnotwendig wie essen und trinken. Und es ist oftmals eine größere Herausforderung als Fernreisen. Während ich mich auf Tripps in fremde Länder wunderbar ablenken kann, Neues entdecken, Sport machen, fremde Sprachen lernen, Landschaft erkunden, Museen abklappern, an Flüssen entlangradeln, Baden, vom Felsen springen und was immer mir noch für Kram einfällt, um mich nicht zu langweilen, bin ich in der Waldzeit plötzlich ganz auf mich gestellt. Ohne Ablenkung. Da muss ich mich auf mich einlassen und kann mich eben nicht in Arbeit, Bücher, Filme oder Facebook flüchten.

Heute werden oftmals Smartphone und Social Media verteufelt als die großen Ablenker. Als die Werkzeuge, die uns von uns selbst wegbringen. Da mag etwas Wahres dran sein, aber die Smartphones und Social Media im Außen zeigen nur die Unruhe, die in unserem Inneren herrscht: Ständiges Gedankenchaos, Getriebensein, Schuld- oder Pflichtgefühle gegenüber anderen und unbändige Sensationslust. Für mich sind sie nur Anzeiger, keine Auslöser, denn diese Faktoren sind sowieso da, ob mit Facebook, Animationsprogrammen im Urlaub oder ohne. Früher hat man stundenlang telefoniert, heute sitzt man am Smartphone oder “gönnt” sich ein Spa-Treatment. Da aber passiert letztendlich wieder etwas im Außen, das die Wahrnehmung beschäftigt. Ich möchte ins Innere reisen, in mein eigenes.Waldzeit, Reise ins Innere,

Kein Rucksack auf meinem Rücken, kein Rollkoffer in der Hand. Ich ziehe los. Von zu Hause aus, um nachzudenken, über das Wegfahren, das Leben und alles so. Meditieren könnte man es nennen, für mich ist es Spazierengehen, immer mit Hund, denn erstens ist er ein prima Alibi (ich mag es nicht, wenn die Menschen mich mitleidig ansehen, nur weil ich allein durch die Gegend ziehe) und zweitens die perfekte Begleitung für die Waldzeit, denn meine Hündin lebt immer im Moment,ist  immer neugierig und hat in diesem Augenblick mal ihr Lieblingsthema “Wann gibt es was zu essen?” vergessen. Sie scheucht Amseln auf und gräbt nach Mäusen.

Ich muss lächeln und staune, wieviele Gedanken in meinen Kopf umherschwirren. Das ist mir drinnen am Schreibtisch gar nicht aufgefallen vor lauter Eingebundenheit in den Alltag. Immerhin bin ich mir des Gezwitschers in meinem Kopf bewusst und gehe weiter.Wie wäre es, mit einfach wahrnehmen und mal an nichts zu denken? Die Erde unter meinen Füßen ist rutschig, ich schlittere, fange mich gerade noch auf. Weiter geht es. Der Boden ist zu schlammig, es hat zu viel geregnet im letzten Jahr, denke ich und merke, dass ich schon wieder bewerte.

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Abenteuer unterwegs

Die Bäume zeichnen sich klar ab mit ihren dunklen Stämmen, viel klarer als im Sommer, wenn sie von grünen Blätterwolken umhüllt sind. Der Blick reicht weit, vor mir türmt sich der Deister als nächste Erhebung ab und ganz in der Ferne die Silhouetten des Harzes. Weiter Blick, klare Strukturen und Rückzug sind die Qualitäten des Winters, die ich sehr schätze. Ein intensives Sich-Sammeln, auf das Wesentliche besinnen und dabei klar werden, in sich und mit dem Außen. Jede Jahreszeit hat Qualitäten, die uns tragen und Kraft geben, auch wenn es im Winter gerne anders gesehen wird. Jetzt ist die Zeit für Fragen nach dem “Wer bin ich?” Die beste Zeit für eine Bestandsaufnahme hat begonnen. “Wo möchte ich hin?” “Was sind meine Qualitäten?”

Ich gehe weiter, heute mal nicht rechts herum, sondern links und gelange prombt in eine Senke mit Wildschweingesuhle. Ein dicker Ast ist umgekippt und versperrt meinen Weg. Beim Drüberklettern merke ich, dass er herrlich nachgibt, wenn man sich auf ihn setzt. Mich sieht ja niemand, also wippe ist erstmal eine ordentliche Runde wie auf dem Spielplatz und verharre anschließend eine ganze Weile dort. Waldbaden light. Dabei fällt mir auf, dass die Fichten und Kiefern ein wenig schwanken, die Buchen aber ganz stabil in der Erde stehen. Es ist merkwürdig ruhig im Wald, so wenig Vögel. Liegt es am Winter oder sind die Vögel tatsächlich schon so dezimiert? Die Bäume rauschen im Wind, fast so schön wie das Meer und ich stelle fest, dass ich viel zu wenig lausche, weil ich ständig beschäftigt bin zu tun und zu senden oder zu reagieren – eine typische Erscheinung unserer Zeit, die sich eben auch in Whats App und Co ausdrückt. Einfach lauschen und die Dinge so geschehen lassen, wie es die Wesen des Waldes auch tun, das zeigen mir die Bäume gerade und ich genieße es eine Weile und denke tatsächlich – nichts. Gar nichts. Stille in meinem Gehirn. Ich kann noch nicht mal sagen, wie es sich angefühlt hat, weil es einfach gefühlslos war, die komplette Ruhe überall. Wenigstens einen langen Moment. Dann stubst mein Hund mich an, will weiter und wir setzen unseren Weg fort, ich sehe eine knorrige Eiche, an der sich ein armdicker Efeu hochgewunden hat. Dieser Baum passt gar nicht in den Buchenwald, er ist anders und vielleicht deswegen so wunderschön. Alt und knorrig, bei Bäumen ist das hübsch, bei uns Menschen finden wir es bedrohlich und ein Zeichen von Schwäche. Das ist total bescheuert irgendwie.

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Ankommen

An meinem Lieblingsplatz am Waldrand steht eine Bank mit Blick auf die Hügel und den bonbonfarbenen Abendhimmel. Ich bleibe stehen und überlege, warum ich eigentlich so viel wegreisen muss, wenn ich die wichtigsten Antworten direkt vor der Haustür im Wald finde? Ich habe mich schon oft gefragt: Bin ich eigentlich auf der Flucht? Ich verreise viel. Es glaubt mir niemand, wenn ich sage, dass ich es liebe, zuhause zu sein. Stimmt aber.

Verreisen ist mein Beruf, den ich wirklich gerne mache. Vielleicht auch nur mein liebstes Alibi um zu Flüchten? Dass Reisen toll ist, den Horizont erweitert und so weiter, darüber haben andere schon viel treffender geschrieben. Auch über das Alleinreisen. Dennoch ist es auch ein Stück Ablenkung, Aussteigen aus dem momentanen Leben und in andere Welten hineinlugen. Laufe ich auf den Reisen vor mir weg, vor den Fragen, die sich mir stellen und den Aufgaben? Flüchte ich mich in das leichte, schöne Leben, anstatt mich meinen eigenen schweren Themen zu widmen und sie zu lösen?Waldzeit, Reise ins Innere,

Ist Reisen mein Facebook, meine Ablenkung und Suche nach immer neuen Reizen? Fragen wie diese haben mich in den vergangenen Monaten bewegt. Ein Stück weit war es so. Das wird mir in der Waldzeit bewusst und darauf denke ich beim Nachhauseweg noch etwas herum. Und doch gibt es da auch eine andere Seite: Viele Reisen haben mich eben näher an meine innere Stimme gebracht. Und an die Verbundenheit. Jetzt ist es Zeit, innere und äußere Reisen zu kombinieren und ganz bewusst mit Ablenkungen und Co umzugehen, ohne mich in ihrem Sog zu verlieren. Bei diesem Gedanken muss ich schmunzeln, denn mir fällt auf, dass ich auf dem Nachhauseweg bin und das gleich im doppelten Sinne. Im Innen wie im Außen.Waldzeit, Reise ins Innere,

Die Fotos sind übrigens nicht auf dem Spaziergang entstanden wie man sieht, ich hatte natürlich auch keine Kamera mit auf dieser Reise und habe mir mit Archivbildern ausgeholfen.

18 Kommentare

  1. Schön, dass Du einfach so vor Deiner Haustür einen schönen Wald hast! Aber Hund als -Alibi? Äh, hmm… Damit dich ekiner mitleidig anguckt, weil du alleine bist??? Ach, wahrscheinlich sind die Leute eher neidisch. Ich bin oft alleine unterwegs, ganz ohne Hund, und habe solche Blicke noch nie bemerkt. Es ist doch sooo herrlich, alleine im Wald unterwegs zu sein! Ich liebe das!
    Lass Dich nicht beeindrucken von den Blicken der Menschen.
    LG
    Ulrike

    • Lieeb Ulrike, nein, nein, ein Hund ist natürlich viel mehr als ein Alibi, aber diese Blicke der Menschen können echt manchmal nerven. Deswegen bin ich froh, dass sie immer dabei ist. Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen

  2. Einen schönen Spaziergang hast du da gemacht! Und die Gedanken kenne ich ebenfalls über das Verreisen. Mich hat es auch schon immer raus in die Welt getrieben. Mittlerweile denke ich, dass es das Wichtigste ist, mit offenen Augen und Geist durch die Welt zu gehen, egal ob nah oder fern. Oft gelingt mir das aber auf Reisen besser als zu Hause im Alltagstrott. Man sollte sich wirklich mehr Zeit auch im Alltag für diese kleinen Auszeiten und Perspektivenwechsel nehmen.
    Aber mit welchen “Techniken” kann man eine “Waldzeit verfeinern”, die dann zum “Waldbaden” wird?? Dieser Begriff ist bis jetzt an mir vorbei gegangen … 😉

    Liebe Grüße von Andrea

    • Liebe Andrea, schön zu lesen, dass es anderen Menschen ähnlich geht. Du hast völlig Recht, die offenen Augen und das offene Herz sind entscheidend. Ich werde sicher weiterhin viel reisen, weil ich das eben auch meinen Kindern zeigen will, aber dann soll es etwas anders sein. Mal schauen, wie sich das vereinbaren lässt. Und ja, so ein offenes Herz geht tatsächlich oftmals auf Reisen besser als im Alltag. Aber das muss eben auch mehr hier zu schaffen sein, denn hier sind schließlich meine Liebsten um mich herum, da ist ein offenes Herz besonders wichtig, deswegen sind diese Auszeiten so enorm wichtig. Waldbaden ist eine eigene “Technik”, ganz spannend, einen kleinen Einblick dazu bekommst du hier: https://indigo-blau.de/waldbaden-eintauchen-in-die-welt-der-baeume
      Es geht im Prinzip darum, im Wald zu sich zu finden, den Geist zur Ruhe zu bringen, in sich herein zu lauschen und Fragen zu beantworten. Aber natürlich auch um die positiven Effekte, die ätherische Öle und Co auf den Körper haben. Man macht das eigentlich schon ganz automatisch, wenn man etwas bewusster lebt. Aber so geführt hat das noch mal eine ganz andere Qualität. Liebe Grüße und danke für dein Vorbeischauen

  3. Wundervoll geschrieben!
    Ich brauche das Alleine-Sein auch total, wie Luft zum Atmen. Das war schon immer so. Langeweile mit mir kenne ich eigentlich selten.
    Gerne würde ich auch alleine durch den Wald laufen, wenn ich genug Mut dazu hätte. Wälder haben seit jeder nämlich eine unheimliche Wirkung auf mich, ohne dass es einen Grund dafür gegeben hätte. Dann auch lieber mit Hund als „Beschützer“ …den habe ich aber nicht. ?

    Ganz liebe Grüße! ??‍♀️

    • Liebe Amara, danke dir, da freue ich mich aber sehr. Das mit dem Alleinsein ist wohl so bei sensiblen Menschen, möglicherweise auch bei allen Menschen. Dass der Wald unheimlich sein kann, habe ich bei anderen auch schon erleben dürfen,mir selbst ist das fremd, da er mir immer soetwas wie eine Schutzhülle gibt. Es sind einfach viele wunderbare Wesen dort, die mit ihrem Einfachnurdasein es immer wieder schaffen, mich zu mir selbst zu bringen. Aber mit Angst ist das ja schwierig. Vielleicht gibt es ja einen Leihhund für solche Fälle für dich 🙂 Ganz liebe Grüße, schön, dich hier zu lesen. Hab einen schönen Tag

  4. Ja… selbst mit einem
    Fotoapparat kann mich sich ablenken… flüchten vor einem selbst… ich habe einen Bekannten, der bei Feiern im engen Freundeskreis immer da war, aber nie dabei… er machte die Fotos von uns allen… er war mir so fremd… noch heute habe ich eine gespaltene “Beziehung” zu ihm, denn ich weiß gar nicht, wer er eigentlich wirklich ist…

    • Stimmt, das ist ein spannender Ansatz, aber er ist richtig. Ein Fotoapparat verführt oftmals, uns dahinter zu verstecken, mich auch leider viel zu oft, aber wenn man sich dessen bewusst ist, dann ist schon die Hälfte der Arbeit getan, oder? Danke für den Denkanstoß und den Kommentar. Liebe Grüße

  5. Liebe Andrea,

    schön wenn man die “Stunde” für so eine innerliche Reinigung mit Erfolg nutzen kann. 🙂

    Bei mir hat das noch nicht geklappt. Zu schwere Brocken hindern mich.

    Liebe Grüße,
    Lilo

    • Liebe Lilo, dann wünsch ich dir, dass du dir Brocken in kleine Teile hacken kannst und nach und nach beiseite räumen kannst. Ganz liebe Grüße und hab einen schönen Abend

  6. sehr schöne worte und erfahrungen. ich kenne ähnliches von meinen pferdespaziergängen. manchmal, wenn ich die gelegenheit habe, gehe ich auch ganz alleine im wald spazieren. das sind auch sehr besondere momente für mich, einfach auch, weil es selten vorkommt. zum glück habe ich noch nicht bemerkt, dass ich komisch angeschaut worden wäre 🙂 ich frage mich auch oft, warum es immer die ferne sein muss. es gibt so viel, direkt vor der haustür.

    • Liebe Paleica, dankeschön, das freut mich aber sehr. Ja, es ist das Nahe, was auch spannend ist. Obwohl, ich liebe ja auch die Ferne und würde auch am liebsten noch so viel von der Welt sehen, mal schauen, wie ich das vereinbaren kann. Aber die spannendsten Reisen sind sowieso die ins Innere, oder? Und dafür eignet sich der Wald wirklich hervorragend. Danke für deinen Kommentar! Und frohe Ostern
      Liebe Grüße
      Andrea

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