Lanildut – Algenhauptstadt der Bretagne

Lanildut in der Bretagne ist Algenhauptstadt Europas, dort werden pro Jahr 35.000 Tonnen Algen verladen. Im Ort gibt es ein kleines Algenmuseum.

Als dicker Teppich übersäen sie den Strand: Am äußersten Westzipfel der Bretagne liegt Lanildut – die Hauptstadt der Algen in Europa.

#Algenfischen in der Bretagne

Merkwürdige Boote angeln vor der Küste von Lanildut. Sie scheinen eine Art Baggerschaufel an Bord zu haben, die sie mit einem Flaschenzug im Meer versenken. Was sie rausfischen, muss schwer sein, denn bei jedem Ausladen der Schaufel senkt sich der Schiffskörper tiefer ins Meer. Ich stehe an Land und schaue mir dieses merkwürdige Spektakel an. Eigentlich wollte ich ja Urlaub machen, aber das weckt meine journalistische Neugier. Das sind keine gängigen Fischerboote, die Netze auswerfen und Strecke machen. Dieses Schiff scheint zu parken und zu baggern mit seiner komischen, einarmigen Schaufel. In gewisser Weise stimmt das auch, denn es steht auf einer Stelle und baggert die Algen aus dem Wasser. Dann fährt es in den Hafen von Lanildut, wo die Algen in einen LKW verladen werden. Seit mehr als 150 Jahren leben die Menschen dort vom Algenfischen. Nein, keine Krabben, Hummer oder Heringe – hier werden Algen gefischt.

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Die schwere Last tropft aus dem Schiff.

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Hafen von Lanildut

#Größtes Algenfeld in Europa

Zwischen Lanildut und der Ile Ouessant gedeiht das größte Algengebiet Europas. Was erstmal so klingt, als wolle man dort bestimmt keinen Urlaub machen, fand ich faszinierend. Zwar stimmt es: Schwimmen in Lanildut ist tatsächlich schwierig, wenn man nicht in den vielen Algen baden möchte. Aber das muss man im Herbst auch nicht. Zudem gibt es einige Buchten weiter wunderbare Badestrände, falls es dann doch mal heiß wird, denn Strand und Bademöglichkeiten gibt es genug in der Bretagne. Und meine Tochter und ich haben uns etwas Lustiges ausgedacht am Strand: Wir sind bei Ebbe barfuß auf den frischen Algen herumgelaufen. Das ist zwar ganz schön rutschig und man muss aufpassen, nicht die Balance zu verlieren, doch irgendwie ist es auch ein witziges Erlebnis, auf derart vielen Algen herumzulaufen. Vor allem ist es faszinierend, denn so viele verschiedene Ausdrucksformen von Algen habe ich noch nie gesehen: Mal sind sie knubbelig mit saugnapfähnlichen Erhebungen, mal sehen sie aus wie Irisch Moos und mal sind es lange Keulen. Total spannend, was die Natur so fabriziert.

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Manche Algen der Bretagne sehen aus wie ein riesiges Wollknäuel.

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Wunderschön gefärbt, die Algen in Lanildut.

Und nicht nur das. Wo Algen sind, ist Leben, haben wir gemerkt. Wir haben uns einfach auf einen Stein gesetzt und einfach gewartet. Uns leise unterhalten, aber möglichst reglos, damit die Tiere kommen. Das war die beste Idee, denn die Tiere kamen. Vor allem Vögel. So viele Vögel, wie ich schon lange nicht mehr am Meer gesehen habe. Ein Graureiher stakste durch das Wasser und fischte, ebenso wie viele Seidenreiher. Dazu noch Herings- und Silbermöwen, die wir beobachten konnten.

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Möwen so weit das Auge reicht

Als die Flut kam, spielten die Möwen Wellenreiten, bei Ebbe allerdings saßen sie in großen Scharen auf den Algen und pickten sich ihre Nahrung heraus. Die Algen bieten ein reiches Ökosystem und Nahrungsangebot für viele Arten. So gehören Eissturmvogel, Atlantiksturmtaucher, Sturmschwalbe, Kormoran, Krähenscharbe, Heringsmöwe, Mantelmöwe, Silbermöwe, Flussseeschwalbe, Zwergseeschwalbe, Trottellumme oder Meeresstrandläufer zu der reichen Fauna des Parc naturel marin d’Iroise.

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Ein Paradies für Vögel

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Bei den vielen Felsen sind Leuchttürme wichtig.

Unterwasserwald im Meer d’Iroise

Das Algenfeld von de Molène ist ein riesiger Unterwasserwald, der einzigartig in der Gegend ist. Mehr als 300 Arten von Algen wurden dort festgestellt.Das liegt auch an den Braunalgen, die vielen Lebewesen eine Unterkunft geben. So verbringen dort doe Krabben ihre ersten Lebensmonate in den nährstoffreichen Algen, Quappen schwimmen dort ebenso umher wie Krebse, Hummer oder Langusten. Auch größere Tiere mögen dieses reiche Wasser, in dem immerhin 120 Arten Fische vorkommen und so fühlen sich dort Kegelrobben und Große Tümmler zwischen den merkwürdigen Algengewächsen sehr wohl. Und nicht nur das. Viele Muscheln, darunter auch die hübschen Seeohren, die im Inneren so schön perlmuttartig glänzen, gedeihen unter den Felsfeldern, die bei der Biodiversität eine entscheidende Rolle spielen und wie hingeworfen überall vor der Küste liegen.

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Das Wasser bei Sonnenuntergang.

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Es gibt sie auch in grün, die Algen

Bei einer derartigen Formenvielfalt und dem Überangebot ist es kein Wunder, dass die Menschen in Lanildut so kreativ mit dem Einsatz der Algen geworden sind. Die einen machen daraus Würste, die anderen Dünger fürs Feld, Grundstoffe für die Produktion von Soda oder Jod) und wieder andere verkaufen sie an die Kosmetikindustrie als Verdickungsmittel. Gewonnen wird zum Beispiel Knorpeltang. Aus diesem Tang, der aussieht wie Kohlblätter, wird später Carrageen, den wir als Lebensmittelzusatzstoff E 407a kennen und der etwa als Geeliermittel in Marmeade oder Verdickungsmittel in Eis oder Pudding auftaucht, es ist auch in Kakaopulver zu finden oder in manchen Kosmetikprodukten. Verwertet werden Braune Wakame, grüne Meeresbohnen oder Rote Nori-Algen.

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Manche der Algen sind ganz schön groß.

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Manche der Algen sehen aus wie Knochen.

Suppe und Sushi aus Algen kennt man ja schon, doch die Menschen hier an der Côte de Leon haben sich noch viel mehr mit den Meerespflanzen einfallen lassen. Sie produzieren Pesto, streuen sie über den Salat oder tun sie gar in Schokolade. Tee aus Algen gibt es ebenso wie es mit Algen gewürzte Wurst gibt (typisch für die Insel Molène, nach der die Saucisse de Molène benannt ist.

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Typisch: Felsbuchten mit Häusern und zerklüfteter Strand.

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So sieht es bei Ebbe am Strand von Lanildut aus.

#Mit Algen kochen

Algen statt Alu: Das fand ich die beste Idee: Man kann die Algen auch als Garhilfe benutzen für Dinge, die man sonst in Alufolie wickeln würde (Alufolie mag ich gar nicht, nicht nur aus Umweltgründen). Bei Fisch soll es das Aroma heben, wenn man in ihn Algen gewickelt im Ofen gart. Wie das wohl bei Kartoffeln sein mag, frag ich mich. Und vor allem: Welche Algen man dafür benutzt. Ich würde mich nicht trauen, aus den 800 Algen die knapp 20 zu erkennen, die man essen kann, wo ich schon bei Pilzen meine Probleme habe, sie auseinanderzuhalten. Aber glücklicherweise kann man die Algen hier laufen, in den örtlichen Supermärkten ist es gang und gäbe. Und dann nichts wie los und ausprobieren: Algenbutter, Algenbrot – übrigens: Man muss die getrockneten Algen nicht vor dem Kochen einweichen. So versicherten mir die Verläuferinnen. Sie müssen es wissen, wohnen sie nicht schließlich im größten Algengebiet Europas?

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Unter Felsen wie diesen wohnen die Muscheln und Napfschnecken.

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Wieder eine andere Form der Alge.

#Die Algenstraße – Route des algues

Lanildut mit seinem kleinen und sehr feinen Algenmuseum ist Startpunkt der Algenstraße, Route des Algues, auf der man sich über das Meeresgewächs informieren kann. Sie an der zerklüfteten Küste etwa 40 Kilometer bis zu Museum der Algenschnitter (Musée des Goémoniers, 4 Stread Kenan Uhella, 29880 Plouguerneau, geöffnet Mitte April-Mitte Mai Di-So 14-18 Uhr, Mitte Mai-Mitte Juni Sa/So 14-18 Uhr, Mitte Juni- Ende Sept. Di-So 14-18 Uhr, Erw. 5 €, Kinder  ab 7 Jahre 3 €.) in Plouguerneau, einem Ort, an dem übrigens auch der größte Leuchtturm Frankreichs steht.

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Ein Algenfischer? Nein, er sammelt Krabben, die sich in den Algen verstecken.

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Lanildut liegt am Ort Aber Ildut.

#Die Algen als Plage in der Bretagne

Nicht immer sind die Algen übrigens in der Bretagne beliebt. Sie können auch zur Bedrohung werden, einige Jahre geisterten die Algenplagen durch die Medien. Das sind vor allem Grünalgen, die sich dann explosionsartig verbreiten und giftige Gase abgeben, wenn sie verfaulen. Dann müssen die entsprechenden Gemeinden die Strände sperren und die Grünalgen beseitigen. Eine Karte, wo das der Fall sein könnte, befindet sich hier.

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Da wird der Laster beladen.

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Am Hafen von Lanildut.

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Schmal führt der Aber Ildut als Fjord vom Meer ins Landesinnere.

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Große Schwärme von Möwen fühlen sich in den Algen wohl.

 

Wusstest du, dass man aus Algen auch Gin machen kann? Bloggerkollege Hubert hat es in Irland ausprobiert – sein Bericht ist hier zu lesen.

 

9 Kommentare

  1. Also ganz ehrlich ich habe als erstes den Ort auf Google gesucht um überhaupt zu wissen wo er liegt. Noch nie gehört davon und von den
    Algen habe ich eh keine Ahnung. Ist aber interessant.
    Ich war mal vor bistimmt 15 Jahren mal im Urlaub in Italien an der Adria. Da hatten wir von heute auf morgen einen Algenteppich der das baden im Meer nicht mehr möglich machte. Das Zeug war richtig ekelig und so schleimig. Damals hat man davon geredet,dass dies von der Verschutzung des Meeres kam. Ich weiß das eh nicht aber nach 2 oder 3 Tagen war alles wieder vorbei. Also Andrea mal wieder was ganz neues was bestimmt die wenigsten Blogger wissen !!! LG Manni

    • Lieber Manni, ja, genau, bei Algen denken die meisten: Gefahr. Eklig, Verschmutzt. Das ist aber hier wohl nicht so, die Algen sind eher ein Zeichen von Gesundheit, es kommt wohl auch auf die Sorte an.Du hast bei Google geschaut? Das ist ja klasse. Und ja, das Thema ist doch spannend, oder? Zumal ich denke, dass Algen bestimmt Zukunft haben… Liebe Grüße

  2. away on a trip

    Die Bretagne ist für mich noch ein ganz unbekannter Ort, aber wenn ich dorthin reise, dann ganz bestimmt auch nach Lanildut. Ein toller Beitrag von Algen, der Natur und den Menschen, die dort leben. Das Algen so vielseitig sind, wusste ich schon, aber dass das größte Algenfeld in Lanildut ist, war für mich neu. Deine Fotos von dieser Küste sind wunderschön. Ich wünsche dir einen schönen Donnerstag
    LG Andrea

    • Danke, liebe Andrea. Die Bretagne ist ein Traum, du wirst es bei mir in den nächsten Beiträgen sehen, vor allem zum Urlaub im Herbst. Eigentlich wollte ich gar nix für den Blog mitbringen, aber das geht auch nicht. Ganz lieben Dank für deinen Kommentar.
      Liebe Grüße

  3. Also ich muss gestehen dass ich bei Google nicht über die Algen nachgeschaut habe sondern einfach wo du überhaupt gewesen bist. Mache ich oft so um auch eine Vorstellung zu haben wo das überhaupt ist was nun die Ortlichkeit betrifft. Mich interessiert das !

  4. Danke dir Andrea für diesen Bericht. Wir wollen nächstes Jahr in die Bretagne reisen und deshalb freue ich mich ganz besonders über deine Eindrücke und Tipps. Ich bin schon ganz gespannt, über welche Orte und Begebenheiten du noch schreiben wirst. Und wer weiss in welche Gegenden du uns führen wirst, von denen wir bisher noch nichts gelesen haben. Lanildut, das Algenmuseum und der Leuchtturm von Plouguerneau stehen schon mal neu auf meiner Liste.
    Liebe Grüsse Bernadette

    • Liebe Bernadette, oh, das freut mich aber, dann wirst du sicher noch einige schöne Sachen hier finden, ich muss nur jetzt fix mit dem Schreiben hinterher kommen. Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar

  5. Vielen dank für diesen tollen Bericht und für die großartigen Bilder!
    Ich selber war leider noch nie in Bretagne, aber meine Arbeitskollegin hat mich etwas angefixt. Sie war vor einigen Jahren in Bretagne und schwärmt heute noch davon.

    Ganz liebe Grüße!

    • Liebe Amara, die Bretagne ist großartig und lohnt sich unbedingt. Wohnst du nicht im Ruhrgebiet? Da ist es nicht ganz so weit wie von uns aus, ich würde das unbedingt machen. Bald gibt es hier noch mehr davon. Liebe Grüße aus Irland erstmal.

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