Ein ostfriesisches Original: Simon aus Greetsiel

Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel. Es ist der größte afrikanische Laden Deutschlands.

Im ostfriesischen Greetsiel lebt ein echtes Original: Simon betreibt dort einen der größten afrikanischen Läden Deutschlands. 

Das ostfriesische Fischerdorf Greetsiel ist ein idyllischer, norddeutscher Bilderbuchort: Backsteinhäuser, ein bunter Kutterhafen und zwei Windmühlen am Ortseingang, dazu noch Grachten, auf denen bunte Boote fahren. Heile Welt des Tourismus mit blauweißen Fischerhemden, Kluntje-Tradition und Krabben. Möwenklimbim auf der einen Straßenseite, Öljacken auf der anderen. Und mittendrin das. Afrikanische Skulpturen, Trommeln und Schmuck. Mit einem tiefen, breiten „Moiiiiin“, begrüßt Simon seine Gäste und seine weißen Zähne strahlen in tiefen Kontrast zu seiner schwarzen Haut noch heller. Simon grinst und fängt mit ostfriesischer Sprachmelodie an zu sprechen, der Schalk blitzt aus seinen dunklen Augen. Ein Stück Afrika in der Krabbenkutteridylle.Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel. Es ist der größte afrikanische Laden Deutschlands.

Seit 33 Jahren lebt er an der Nordseeküste. Dort, wo das Land dünn besiedelt ist und die Menschen eher wortkarg, hat er seinen Platz gefunden. „Ich hatte als Junge einen Traum, dass ich in Deutschland leben würde“, erzählt er hinter seiner Ladentheke. Dass es dann tatsächlich so kommen würde, damit hatte er selbst nicht gerechnet. Er wuchs in Ghana auf, in einem kleinen Ort jenseits der Küste. War Berufsschullehrer. Als er aber politisch aktiv wurde, sich an Demonstrationen gegen die Regierung beteiligte und der Polizeiwillkür ausgeliefert war, musste er fliehen – und kam als Asylbewerber nach Ostfriesland. „Ich wusste nicht, ob ich bleiben wollte“, blickt er zurück und erinnert sich an die Zeit, als die Nachrichten voll von Berichten über Angriffe auf Ausländer waren. „Ich sah die Bilder aus Hoyerswerda und wusste nicht, ob ich nicht doch lieber zurück gehen sollte“, erinnert er sich. Doch er blieb, zog als Asylant „bei Oma Baumann ein“ und bewarb sich für einen Job als Friedhofsgärtner. „Ich wollte unbedingt arbeiten, am liebsten für die Kirche und für Gott“, sagt der gläubige Christ. Doch so ganz einfach war das damals nicht im ländlichen Ostfriesland. Simon hatte Neider, die den Job auch gern gemacht hatten und Stimmung gegen ihn machten. Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel. Es ist der größte afrikanische Laden Deutschlands.Da trat er zurück, wollte dem Deutschen lieber den Job überlassen. Doch als der hörte, wie wenig Geld es gab, wurde der Job plötzlich frei und Simon eingestellt. Und so schlug er doch Wurzeln im kalten Ostfriesland, wo die Nordsee so allgegenwärtig und nah ist. Er, der nicht mal schwimmen kann, geht nicht gern an die Küste. „Das Meer bewegt mich nicht. Ich brauche das Gespräch mit den Menschen.“ Deswegen ist er am liebsten bei sich im Laden und strahlt gut gelaunt seine Kunden an. Etwa eine kleine Familie, die gerade reingekommen ist, während wir uns unterhalten haben. Sie wollen ein Symbol für Familienzusammenhalt kaufen. Doch Simon strahlt den kleinen Jungen an. „Wenn du noch einen Bruder bekommen willst, dann sollte Mama das nehmen“, sagt er und hält einen für mich undefinierbaren Gegenstand in die Luft. „Und für eine Schwester das hier“, sagt er und kichert leise. Ein Paar, das sich zu einem Herz vereint, ist ebenso bei seinen Kunsthandwerkimporten dabei wie Penisse aus Holz. Körbe, Ledertaschen, Armbänder und Schmuck wandern über den Tresen. „Ich habe einen der größten Afrikaläden Deutschlands“, meint Simon und strahlt. Er macht einfach gute Laune, wenn er mit seiner rauen Stimme immer so kichert und witzige Sprüche in norddeutscher Sprache eingefärbt bringt. Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel. Es ist der größte afrikanische Laden Deutschlands. Das fand wohl auch seine Frau, die er schon bald kennengelernt hat, nachdem er in Krummhörn als Friedhofsgärtner eingestellt worden war. „Sie ist 20 Jahre älter als ich. Wir haben uns sofort verstanden“, sagt er. Doch das mit dem Heiraten war nicht gleich klar. Zu viele Hindernisse schienen im Weg zu stehen. Der Altersunterschied. Der Kulturunterschied. Die verschiedenen Hautfarben. Er zog bei ihr ein und eröffnete seinen Laden. Und das alles in dem kleinen, dörflichen Greetsiel. Am Anfang kochte die Gerüchteküche hoch. Doch das ist 30 Jahre her. Inzwischen ist Simon einer von den Greetsielern und sein Geschäft gehört zur Bummelmeile ebenso wie die Läden mit dem Möwenklimbim und den Fischerhemden. „Toleranz kann man nicht herbeireden und schon gar nicht befehlen“, ist Simon sicher. „Man muss sie leben.“

Dass er ein Exot ist, fällt ihm in Greetsiel gar nicht mehr auf. Aber wenn er wie jeden November im Zug nach Frankfurt sitzt, um den Winter in Ghana zu verbringen und die Menschen gucken und ihm unfreundliche Sprüche entgegensetzen, erst dann wird ihm klar, dass er eine andere Hautfarbe hat als der Rest des Großraumwagens. „Doch mit Negativen verschwende ich meine Zeit nicht. Es kommt alles ja doch wieder zu einem zurück, also gehe ich dorthin, wo es gut ist.“ In Greetsiel sei es gut. Die Menschen hätten dort ein großes Herz für Fremde. „Sie leben schließlich vom Tourismus und müssen sich jeden Tag auf andere Menschen einstellen, das macht weltoffen“, sagt er und schaut mich mit großem, offenen Blick an. „Es ist niemand wichtiger als der andere. Man muss sich doch jeden einzeln anschauen und mit ihm sprechen.“

Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel. Es ist der größte afrikanische Laden Deutschlands.

Taschen, Masken und mehr gibt es bei Simon im Afrikashop in Greetsiel.

Als ich ihn frage, wie es denn in Ghana sei, ob das Kunsthandwerk alles von seinen Freunden gemacht wird, beginnt er schallend zu lachen. „Ja. Ohne diesen Laden würden ja noch mehr mit dem Boot herkommen“, sagt er und kichert unverhohlen weiter. Dann wird er ernst. Denn er ist froh, dass er seinen Beitrag leisten kann, in seinem Heimatland Arbeitsplätze zu schaffen und den Menschen zu helfen, ein besseres Leben zu haben. Das treibe dann manchmal lustige Blüten. „In Ghana träumen die Handwerker alle davon, sich die schönen, modernen Maschinen zu kaufen, um sich die Arbeit zu erleichtern. Das hat mich viel Arbeit gekostet, denen zu erklären, dass die Menschen hier die Dinge nur kaufen, weil sie eben handgemacht sind und keines wie das andere aussieht. Und da kommt schon der nächste Kunde in den Laden, schaut sich neugierig um und muss lächeln, als Simon auch ihn mit seinem breiten „Moiiiiiin“ begrüßt. Ein echtes ostfriesisches Original eben.

 

 

6 Kommentare

  1. tolle Geschichte Andrea hast du hier geschrieben. Es zeigt mal wieder dass man etwas aus sich machen kann wenn man es nur will, und er wollte es !!!
    Was mich aber ein wenig stutzig macht ist die Tatsache dass so ein Laden in dieser Gegend überlebensfähig ist ! Ich glaube kein Tourist rechnet damit hier einen solchen Laden überhaupt zu finden bzw. ihn zu besuchen. Es muss aber anscheinend reichen um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Also tolle Geschichte nochmals !!! LG Manni

    • Lieber Manni, du glaubst gar nicht, wie viele Menschen da so hineinschneien, allein als ich dagesessen bin. Er sitzt zentral und hat superschöne Dinge. Danke für das Lob Manni. Ich winke mal rüber zu dir.
      Liebe Grüße

  2. away on a trip

    Liebe Andrea, ein schöner Beitrag über ein ostfriesisches Original in Greetsiel und seine Geschichte zeigt, dass ein Wille oft Berge versetzt. Sein Satz “Toleranz kann man nicht herbei reden und schon garnicht befehlen, sondern leben”, passt so gut in unsere heutige Zeit und ich wünsche mir, wir könnten wieder mehr Toleranz leben
    LG Andrea

    • Liebe Andrea, danke! Schön, dass dir der Satz aufgefallen ist. Genau deswegen habe ich nämlich den Artikel geschrieben. Das war der Auslöser. Und es ist gerade jetzt umso wichtiger, sich dieses Themas anzunehmen, denn Toleranz ist wichtiger als je zuvor. Vor allem, sie zu leben. Heute und hier.
      Liebe Grüße

    • Liebe Amara, ja, er ist wirklich sehr charismatisch und vor allem macht es so Spaß, mit ihm zu plaudern und seine Weltsicht zu hören. Ich danke dir für diesem Kommentar.
      Liebe Grüße

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