Die Wildpferde von Langeland

Langeland, Wildpferdea von Bagenkopa

Im Süden von Langeland lebt eine große Herde Wildpferde. Die Exmoor-Ponys sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern arbeiten zugleich als Landschaftspfleger.

Es ist vielleicht der kälteste Tag dieses Winters. Der eisige Ostwind peitscht über die Ebene, betäubt sekundenschnell Wangen und Nase. Schnee wirbelt auf, es ist einfach nur kalt. Jan Johansen blickt mich besorgt aus seinen braunen Augen an. “Gestern Abend haben wir ein Fohlen bekommen.” Und wo ist es jetzt? “Draußen. Das sind Wildpferde. Die müssen sich selbst helfen”, sagt er und geht einen Schritt schneller. Wir suchen gemeinsam das Fohlen und die Herde der Exmoor-Ponys auf Langeland. Sie leben in einem eingezäunten Reservat an der Südspitze der Insel. “Sie fressen die kleinen Bäume und treten die Erde fest”, erklärt mir Jan, der hier als Ranger arbeitet.  So bleiben die Wiesen erhalten, bekommen eine ganz eigene Artenvielfalt und die Feuchtgebiete bleiben weiter moorastig, anstatt von den wachsenden Bäumen zu Wäldern mit trockenem Boden ausgesaugt zu werden. Ein Landschaftsschutzprojekt, für das diese Pferde ausgesucht wurden, weil sie nicht nur zu den robustesten zählen, sondern auch den ursprünglichen dänischen Wildpferden sehr nahe kommen. Doch die sind längst ausgestorben, also musste man Exmoor-Ponys aus England importieren.

Langeland, Wilde Pferde
Langeland, Wilde Pferde, Exmoor-Ponys

Der Ranger, der neben mir durch den knirschenden Schnee geht, sieht aus wie ein Marsmensch: Dicke Leuchtjacke, Pelzmütze auf dem Kopf und schweres Schuhwerk an den Füßen stapft er über den verschneiten Süden von Langeland. Einer Landschaft, in die Eiszeit Hügel wie Erdmützen geformt hat, wie Kegel ragen sie nun aus der flachen Landschaft. Ihnen zu Füßen liegen runde Spiegel, eingefrorene Teiche, denn die Ponys leben im Moor. “Wo sind die Pferde”, brummt Jan und  steigt auf einen Hügel. Kein Pferd zu sehen. Wenn das Neugeborene krank ist, wird es sich selbst überlassen, die Herde von Langeland soll leben wie Wildpferde eben auch – ganz ohne Tierarzt. Jan ist die Furcht anzusehen, das kleine Fohlen vielleicht irgendwo liegen zu sehen. “Da, ein Hufabdruck”, sagt er und zeigt auf den Schnee. Schon bald sehen wir auch Pferdeäpfel, die in Dänemark übrigens Pferdebirnen heißen.

Langeland, Wilde Pferde, Exmoor-Ponys

Langeland, Wildpferdea von BagenkopaLangeland, Wildpferdea von BagenkopaUnd als wir um den nächsten Hügel gegangen sind, sind sie auf einmal da. Wie eine Fata Morgana mitten in der Schneewüste. Unwirklich und doch so echt. Sie stehen dort im Schnee, dicht an dicht, haben an der windabgewandten Seite Schutz gesucht vor der beißenden Kälte. Viele braune Ponys mit zotteligem, dichten Fell und Eiskristallen um die Nüstern. Ich hatte eine Handvoll Tiere erwartet, aber nicht 60. Es ist einer dieser Momente, die man kaum in Worte fassen kann. Wildpferde, selbst wenn sie, wie diese, an Menschen gewöhnt sind, bleiben für mich etwas ganz Besonderes. Nie vergessen werde ich mein Erlebnis in der Emilia Romagna als ein wildes Fohlen zu mir kam und mich beschnupperte.


Langeland, Wilde Pferde, Exmoor-Ponys

Und auch heute nehmen sie sofort Kontakt zu mir auf. Jan hat inzwischen das Fohlen gesichtet, das wohlauf neben seiner Mutter steht. Ich versuche, diesen Moment zu fotografieren, aber meine Kamera hatte leider morgens den Geist aufgegeben und mir einen technischen Fehler angezeigt. Und mein Handy schafft in dieser Kälte nur wenige Bilder und dann verabschiedet sich der Akku. Manche Momente soll man wohl nur mit dem Herzen festhalten. Jan hat unterdessen seinen Humor wiedergefunden: “Ha, IPhone, wie? Das schafft sowas auch nicht. Ich hab ein Huawei – schau mal.” Klick, klick, schießt er ein Foto nach dem anderen.

Langeland, Wilde Pferde, Exmoor-Ponys Langeland, Wilde Pferde, Exmoor-Ponys

Ich stehe einfach nur da, meine rotgefrorenen Finger sind mir fast egal, ich spüre sie sowieso kaum. Mitten in der Pferdeherde zu verharren, fasziniert mich einfach zu sehr. Die Tiere nehmen sofort Kontakt zu mir auf. Was Jan erzählt, nehme ich kaum wahr, sondern sehe die Schwanzbewegungen, die gespitzten Ohren, die taxierenden Augen der Stuten. Manche sind trächtig, andere haben trübe Augen oder lahmen etwas. Schon bald erkenne ich die Leitstute, die alles genau im Blick hat und den dazugehörigen Hengst. Sie stehen etwas erhöht und sind viel ruhiger als die anderen Pferde, beobachten aber auch genauer ihr Umfeld.

Irgendwann dringt die Kälte doch zu mir durch und wir verlassen die Herde. Und jetzt habe ich auch ein Ohr für die Geschichten von Jan, der 25 Jahre lang als Fischer mit dem eigenen Kutter durch die Ostsee geschippert ist auf der Suche nach Dorschen. Jetzt arbeitet er im Hafen und nebenbei bei den Wildpferden, die 2006 nach Langeland eingeführt wurden. “Ein Tierarzt kommt nicht zur Herde”, sagt er. “Sie müssen sich selbst helfen.” Geht es den Tieren gut, haben sie ein schönes Fell. “ist einer auch im Sommer struppig mit dichtem Winterfell ausgestattet, dann stimmt etwas mit ihm nicht”, weiß er. Doch eingegriffen wird nicht, Natur soll Natur bleiben. Hilft gar nichts mehr, werden die Tiere erschossen. “Es sind Wildpferde”, sagt Jan und man sieht ihm an, dass ihm das nicht gefällt und er manchmal gerne geholfen hätte.

So wie ich auch, als ich höre, dass die Pferde kein Zusatzfutter bekommen. Sie müssen sich selbst versorgen und nagen die Rinde an. “Hoffentlich ist das Wetter bald besser” meint der Ranger und weist mich darauf hin, dass Füttern der Tiere ebenso verboten sei wie zu nah an sie heranzutreten. “50 Meter Abstand sollen wir halten”, sagt er. Doch das ist nicht möglich, die Pferde kennen ihn zu gut inzwischen und stehen fast in Streichelnähe.

Er kommt jeden Tag mindestens einmal und schaut nach den Tieren und zeigt mir Bilder auf seinem Handy, die aussehen, wie aus einer Traumwelt: Die Wildpferde spiegeln sich in den kleinen Tümpeln, die Landschaft ist grün und satt. Unvorstellbar bei dieser Kälte und dem Schneetreiben. “Ich kann dir Bilder von meinem chinesischen Handy schicken”, sagt Jan, und grinst. Jetzt aber gehen wir erstmal gemeinsam Kaffee trinken. Und ich glaube, ich werde morgen nochmal zu den Pferden gehen…

Langeland_wilde_Pferde

Informationen zu Langeland:

Langeland liegt im Süden Dänemarks, zwischen Lolland und Fünen in der dänischen Südsee. Die Insel ist am besten mit der Fähre erreichbar, Überfahrt von Lolland aus ab 72 € mit Pkw hin und zurück, buchbar mit Faergen. Nach Lolland fährt Scandlines von Puttgarden aus, Überfahrt ab 66 € PKW hin und zurück.


Die Reise wurde unterstützt von Faergen – danke dafür. Und danke Jan für das Überlassen der Fotos! Mit diesem kraftvollen, chinesischem Handy.

Du möchtest mehr über meine Zeit in der dänischen Südsee im Winter lesen? Dann schau doch mal bei meinen anderen Artikeln vorbei:

Langeland: Winter in der Südsee

Teestunde mit der Gräfin auf Schloss Tranekær

Entspannt mit der Fähre nach Lolland

Verliebt in einen Laden: Krambode in Odense

 

22 Kommentare

  1. Ich bin schon beim Lesen hin und weg gewesen. Wie faszinierend muss das erst in unmittelbarer Nähe dieser bezaubernden Pferde gewesen sein. Du bist am nächsten Tag noch einmal hingegangen, oder? Und was Deine Bilder im Herzen angeht: Das sind die ganz besonderen, die man nie mehr vergisst…
    Dein Langelang-Bericht hat mich sehr begeistert, danke dafür.
    Liebe Grüße
    Inge

    • Liebe Inge, jaaaaa, so schön! Wilde Pferde sind etwas ganz Besonderes. Und ich glaube, ich fahre nachher noch mal hin. Danke für das liebe Feedback! Liebe Grüße

  2. Sehr schöner und interessanter Bericht und tolle Fotos Andrea, aber die Pferde tun mir bei solch einem Wetter sehr leid. Neulich habe ich einen Bericht über Wildpferde in Holland gelesen, die hatten aber einen Unterstand und kriegen Zusatzfutter bei kaltem Wetter, das finde ich wesentlich besser. Liebe Grüsse

    • Liebe Miriam,
      ich glaube, wenn es wirklich hart auf hart kommt, wird hier auch gefüttert, aushungern lässt man sie ja nicht. Und der Unterstand ist in diesem Fall der Wald… wie vieles im Naturschutz, ist es wohl hauptsächlich Ansichtssache… liebe Grüße

  3. Ach so. Das hörte sich in deinem Bericht anders an. Wenn sogar niemals der Tierarzt gerufen wird. Und sie die Rinde von den Baeumen essen, naja da hab ich dich wohl falsch verstanden.

  4. Ich habe gerade auf der Website langeland.dk gelesen, dass die Pferde in strengen Wintern Futter bekommen und dass der Tierarzt gerufen wird, wenn ein Pferd krank ist. Also entweder schwindelt die Website oder Jan…

    • Hihi, du bist gut! Das sag ich ja: Wenn es streng ist, dann gibt es Futter. Und der Tierarzt schaut, ja, aber machen tut er dennoch kaum etwas. Jan schwindelt nicht 🙂

  5. Im Merfelder Bruch bei Dülmen gibt es eine Herde mit ungefähr 300 Wildpferden. Es ist total toll sie zu beobachten.

  6. Wildpferde sind etwas ganz besonderes und ich finde es gut, dass es sogar auf Langeland welche gibt. Auf Island haben mich die Islandpferde auch total begeistert
    LG Andrea

  7. Die Pferde werden einmal im Jahr gefangen und von einem Tierarzt benannt. Das neue Fohlen bekommt einen Pferdepass UND KEINE PFERDE hungern.

  8. leider kenne ich mich mit Pferden überhaupt nicht aus aber die Fotos gefallen mir wirklich sehr gut ! Hartes Leben für die Tiere bei dieser Witterung !!!

    • Lieber Manni, danke, Handyfotos eben, weil ja meine Kamera einen Dätsch bekommen hat leider, schnief. Aber dafür ist es ganz schön, ja. Und zu den Pferden: Es sind Wildpferde – da gehen die Meinungen eben auseinander. Luchse, Wolf und Co bekommen auch keine tierärztliche Hilfe und ich finde es sehr gut, dass so wenig wie möglich eingegriffen wird. Liebe Grüße

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