Welche Verantwortung haben wir als Reiseblogger?

Bretagne, Tipps, Heerbst, Cote des Legendes, Lanildut, Porspodet

Obertourism, viele Flüge, Geheimtipps, die verraten werden – welche Verantwortung haben wir als Reiseblogger eigentlich? Eine spannende Frage und der Versuch einer Antwort.

#Fluch und Segen zugleich

Der Tourismus ist Fluch und Segen in einem. Wo Touristen sind, werden sich die Menschen schnell bewusst, wie wertvoll ihre Natur ist und dass man sie schützen muss. Tourismus, wenn er gut läuft, gibt vielen Menschen neue Perspektiven und ein sicheres Einkommen. Vor allem in Regionen, die oftmals sehr arm sind und Arbeitsplätze brauchen. Das haben der Harz und Mauritius gemeinsam. Doch wann ist zuviel zuviel? Und wie kann man das sanft schaffen mit dem Tourismus? Wo muss ich etwas schützen und wo schicke ich die Touristen hin?Mauritius im Winter, Panorama Berge

#Die Sache mit der Verantwortung

Ähnliche Fragen gelten sicher auch für Reiseblogger. Wie kann ich respektvoll, bewusst und verantwortungsvoll auf meinem Blog über Regionen und ihre Besonderheiten berichten? So bleibt die Verantwortung als Reiseblogger ein Spaghat. Was zeige ich und was nicht, lautet dabei die zentrale Frage. Da sind wir ganz schnell beim Thema Fotos und der Wahrheit dahinter. Viele der Fotos, auf denen die Top-Sehenswürigkeiten menschenleer aussehen, entsprechen nicht der Wahrheit, weil es oftmals einfach ein Gedränge von Menschen ist.

Auch ich zeige Bilder von öffentlichen Plätzen am liebsten menschenleer. Das hat aber nichts mit Instagramability zu tun, sondern mit der Frage des Rechtes am eigenen Bild und der Verletzung von Persönlichkeitsrechten beim Veröffentlichen von Fotos. Ich verletze schlichtweg Rechte, wenn ich die Menschen zeige, deswegen versuche ich die Plätze menschenleer zu erwischen und nicht etwa deshalb, weil sie sich auf dem Bild schöner machen. Mont-Saint-Michel, Overtourism, wann kann man ihn besuchen, was kostet das Parken

#Verantwortung fängt beim Fotografieren an

Und da sind wir gleich beim nächsten Punkt: Menschen sind keine Tiere. Ich mag diese exotischen Kinderbilder nicht, ebensowenig von Menschen, die gezeigt werden, nur weil sie anders aussehen. So schön fremdartig. Ich möchte meine Kinder auch nicht in afrikanischen Zeitschriften sehen, nur weil sie so schöne helle Augen, Haut und Haare haben. Oder meinen Opa, nur weil er in Breitcordhose, Streifenhemd herumläuft und die Jahre ein ausdrucksstarkes Gesicht gezeichnet haben. Solche Fotos nur um der Fotos willen zu machen, kommt für mich nicht infrage. Denn ich möchte keinen Menschen vorführen. Übrigens auch meine Kinder nicht. Sie sollen selbst entscheiden können, ob sie gezeigt werden möchten oder nicht. Und bis dahin weiß ich mir eben anders zu helfen, um schöne Bilder zu machen.

Wenn ich Menschen fotografiere, dann sind es meine Gesprächspartner, die genau wissen, dass sie sich im Internet weltweit wiederfinden werden und die Konsequenzen abschätzen können. Eine indische Mutter mit einem großäugigen Kind kann das möglicherweise nicht. Wenn ich Personen fotografieren und zeigen will, dann spreche ich ganz offen an, was das heißt, wenn sie weltweit zu sehen sind. Deswegen lasse ich diese Art von Fotos ganz einfach sein und zeige im Zweifel mich, um die Bilder etwas zu beleben. Übrigens ist eine kleine Hilfe auch der Ehrencodex der deutschen Presse, der zu den Grundsätzen des Journalismus zählt. Weimar mit Familie, Tipps, Gretchen, Familientipp

#Verrate ich Geheimtipps oder lieber nicht?

Frage ich mich nach der Verantwortung als Reiseblogger, komme ich schnell zum Thema Geheimtipps. Jeder sucht irgendwie Tipps, um jenseits der ausgetretene Pfade die großen Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Und ja, sie sind erfolgreich auf dem Blog. Doch muss ich sie alle verraten? Nein. Ich schreibe ausführlich über Regionen, aber manche Sachen behalte ich bewusst für mich. Vor allem, wenn ich weiß, dass diese Plätze Touristenmassen nicht gewachsen sein könnten.

Höhlenwohnung im Harz/Langenstein, Führung durch die Wohnungen, hier Wohnzimmer

In der Höhlenwohnung im Harz

Nun gehöre ich mit meinen 30.000 Seitenaufrufen nicht zu den großen Blogs und auch nicht jeder Artikel erreicht diese Leserzahl. Aber 500 motivierte Menschen reichen, um einen Platz zu verändern. Das kann sehr positiv sein, weil dann vielleicht Systeme wie die Höhlenwohnungen im Harz endlich mehr Fördermittel bekämen, die sie auch bräuchten, um das Alte zu professionell zu bewahren. Es kann aber auch Idyllen zerstören. Umso wichtiger für mich, da genau abzuwägen, ob ich etwas weglasse oder drüber schreibe. Und das hängt immer vom Einzelfall ab.
Die Sehenswürdigkeiten der griechischen Insel Milos, Plaka

#Overtourism und wir

Manche Plätze wie der Mont Saint-Michel oder der Eiffelturm gibt es einfach nicht ohne andere Touristen. Jedenfalls nicht zu den gängigen Urlaubstageszeiten. Dass man frühmorgens diese Plätze für sich hat, ist toll und gibt ihnen dann einen besonderen Zauber. Aber den sollen sie doch dann bitte auch haben und sich erholen. Ich finde, wir Reiseblogger müssen vorsichtiger sein, diese kostbaren Stunden, an denen sich solche Orte erholen und selbst mal Luft holen, jedem mitzuteilen als Tipp. Wer mitdenkt, kommt sowieso drauf, dass man in der Nachsaison und frühmorgens gute Chancen hat, fast allein an diesen Plätzen zu sein. Und da muss ich mir an die eigene Nase fassen und auch viel mehr “psssst” machen anstatt herauszubloggen, was ich Tolles entdeckt habe.Paris, Gratis, Tipps; Eiffelturm

#Instagramability

Letztendlich stellt sich zudem die Frage, ob ich allein mit dem Weglassen etwas bewirken kann. denn die Fotos machen andere auch. Facebookgruppen und Instagram verbreiten Bilder und geheime Orte rasend schnell und wecken Begehrlichkeiten von “Das will ich auch”. Auch ich bin davon sicher nicht frei. Aber wenn ich nicht darüber berichte, dann heißt es nicht, dass es geheim bleibt, weil möglicherweise jemand anders drüber schreibt. Ein schwieriges Thema. Und doch behalte ich meine ganz geheimen Ecken für mich und hoffe, dass sie den Weg in Instagram nicht finden.Milos, Tipps, Urlaub, Strand

#Reisen für mich, nicht zum Angeben

Wir leben in einer optisch geprägten Welt. Die schnell ist. In der Reisen als Statussymbol gilt, Stempel im Pass, Bilder von tollen Hotels oder Fernzielen zeigen, dass es uns gut geht, vor allem finanziell. Es ist die Frage, was davon eigentlich wahr ist, denn es steckt immer ein zweites Gesicht hinter dem, was wir öffentlich zeigen. Instagram ist anders als die ungeschminkte Realität. Mir ist wichtig, diesen Trend von “Mein Haus, mein Boot, mein Urlaub” zu durchbrechen und zu zeigen, dass es auch kleine Dinge sein können, die im Urlaub Freude machen. Und die vielleicht sogar schöner sind als große. Denn sie wirken in mir nach.
Survival-Training mit Sohn, Outdoorzentrum Lahntal,
Ich brauche keine Reisen zum Angeben. Ich brauche Reisen zum Luftholen. Zum Verbinden mit der Natur oder mit mir selbst. Und das können gerne kleine Reisen sein. Über die blogge ich am liebsten, wie etwa das Survival-Wochenende mit meinem Sohn oder kleinen Wanderungen. Bin ich damit Reiseblogger oder nur Ausflugsbloggerin? Keine Ahnung. Verantwortung aber habe ich trotzdem, weil ich über Dinge berichte und sie damit ja öffentlich mache. Und da heißt es tatsächlich, für jeden Fall, jeden Ort, jedes Foto andere Entscheidungen zu treffen. Und zwar im Zweifel gegen die Sensation und für die respektvolle Berichterstattung. Für die Pflanzen und Tiere, die es zu schützen gilt. Survival-Training mit Sohn, Outdoorzentrum Lahntal, Feuermachen mit STöcken

#Mein Fazit:

Reiseblogger sind Trendsetter. Sie sind für viele Menschen Vorbilder beim Fotografieren, Reisen und Erleben. Und das ist für mich der zentrale Punkt dieser Frage: Sich dieser Verantwortung bewusst zu sein und ganz bewusst eben auch Dinge zu lassen, das ist für mich entscheidend. Sei es beim Verzicht auf Coffee to Go-Becher unterwegs oder der Stewardess die mitgebrachte Emailletasse im Flugzeug entgegenzustrecken, beim Nachdenken über zu viele Flüge oder eben beim Fotografieren. Es liegt an uns, diese Fragen öffentlich zu diskutieren und sie damit populär zu machen. Viel wichtiger aber ist: Es liegt an uns, einen anderen Weg zu gehen und darüber zu schreiben. Das ist für mich die große Aufgabe der Reiseblogger: Zeigen, dass es Spaß machen kann, neue Wege zu gehen und dass Reisen nicht immer weit sein müssen.Bretagne, Tipps, Heerbst, Cote des Legendes, Lanildut, Porspodet

Dass dieser Beitrag zustande kam, liegt an der inspirierenden Blogparade, die Takly on Tour zu dem Thema ausgerufen hat.

6 Kommentare

  1. Hallo Andrea,
    ich bin Beate. Einmal hatten wir bereits Kontakt, als Du über Malta geschrieben hast. Deine Art zu schreiben, gefällt mir! Gerade diesen Artikel “was kann/darf ich – was nicht” finde ich gut.
    Vor kurzem gab es in einem Amerika-Forum eine Diskussion über Fotos. (Sinngemäß: Europäer fotografiere ich nicht, doch Afrikaner schon) Darf ich dort Deinen Artikel verlinken? Er passt inhaltlich.

    Ich wünsche Dir weiterhin wunderbare Ziele und Zeiten und Danke, dass Du das mit anderen teilst!
    Viele Grüße Beate

    • Liebe Beate, aber gerne doch! Das freut mich doch, wenn ich Rückmeldungen bekomme.
      Was sind das nur für Aussagen! Wie kann man da Unterschiede machen? Ich lasse es mal besser, mich jetzt über soetwas aufzuregen…
      Ganz lieben Dank für deinen Kommentar und viele Grüße

  2. Hallo Andrea ! Wieder mal ein toller Beitrag und ich finde sehr gut wie du mit diesem Thema umgehst . Ich bin in vielen Abschnitten absolut deiner Meinung und auch ich möchte mich nicht ungefragt im Internet finden. Fotos von Menschen die einfach da sind verstehe ich, aber Fotos die eindeutig von einzelnen Menschen gemacht werden sind schon sehr persönlich . Hier spielt das Thema Streetfotografie eine große Rolle.
    Was den Urlaub ect. betrifft wirst du von mir zwar Beiträge finden aber ich habe noch nie z. b. ein Hotel im positiven oder negativen bewertet. Jeder hat von seiner Unterkunft unterschiedliche Vorstellungen und legt wert auf das Essen, Zimmer, Pool. Meer ect. Was mir gefällt und ich gut finde bedeutet nicht dass es anderen auch zusagt. Also keine Empfehlung meinerseits !!!!! Wer sich für ein Hotel ect. interessiert hat die Möglichkeit sich im Internet selbst zu informieren. Das gleiche gilt für Plätze ect. !!!
    Geheime Orte ect. mache ich auch ungern Angaben über Adressen. Nicht weil ich es dem Blogger nicht gönne sondern weil das Thema Vandalismus einfach zu groß geworden ist ( Lost Places ). Schade drum aber so ist das nun mal !!!!
    Berühmte Orte wie von dir beschrieben weiß eigentlich jeder dass man nicht gerade zu Mittagszeit ect. diese besuchen sollte wegen den Menschenmassen !
    Also wie gesagt von meiner Seite aus stimme ich dir voll zu !!!! LG Manni

    • Danke, lieber Manni, dass du da respektvoll umgehst, das ist mir schon aufgefallen. Es ist insgesamt ein Thema, das von vielen zu sehr auf die leichte Schulter genommen wird und dann werden einfach Fotos verbreitet, egal, ob man dem Abgebildeten schadet oder nicht. Das geht halt gar nicht finde ich.
      Liebe Grüße, lieber Manni

  3. away on a trip

    Für meine Reisen lese ich sehr gerne andere Beiträge über das Gebiet und sammle so meine Wünsche, was ich gerne sehen möchte. Gerade auf Island wollte ich doch gerne die geheimen Plätze der heißen Quellen herausfinden, aber zum Schluss habe ich dann doch die bekannten Plätze aufgesucht, weil sie einfach leichter zu erreichen waren und auf dem Weg lagen. Ich denke schon, dass die Menschenmassen an berühmten Plätzen zunehmen werden aufgrund der Medien, auch ich bin ja daran beteiligt, aber wichtig ist mir dabei schon respektvoll mit einander umzugehen und die Privatsphäre des anderen zu respektieren. Auf meinen Fotos versuche ich es daher, keine Menschen mit Blickkontakt zu veröffentlichen, außer ich habe vorher gefragt
    Liebe Grüße
    Andrea

    • Das freut mich, liebe Andrea, ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind, die wir zu tragen haben und freue mich immer zu lesen, wenn es andere auch so sehen. Liebe Grüße

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