Hochsensibel auf Reisen

Reisen sind nicht nur Entdeckungstouren, die spannend sind und Spaß machen. Sie bringen vor allem eins: Herausforderungen. Vor allem für Menschen, die hochsensibel sind.

Hochsensibel – es ist ein Thema, das gerade durch die Medien geistert. Waren es früher Hochbegabung oder Hochintelligenz, die man unbedingt testen lassen wollte, scheint es heute der neue Trend, hochsensibel zu sein. Es gibt viele solcher Stempel für Menschen, die zeigen sollen: Ich bin etwas Besonderes. Ich halte nichts von diesen Stempeln, denn jeder Mensch ist einzigartig und man braucht keine Label, um ihn anzuerkennen. Unter dem Aspekt mag ich Hochsensibilität und andere Hoch…  gar nicht. Und doch schreibe ich nun darüber, denn es kann unheimlich gut tun, wenn man es für sich erkannt hat und vorbeugen kann. Und es kann den Mitmenschen helfen, das (hochsensible) Gegenüber besser einzuschätzen. Und noch viel wichtiger: Um sich selbst einzuschätzen und nicht zu denken, man ist irgendwie bescheuert. Mir hat es vor allem auf Reisen geholfen.

Hochsensibel auf Reisen

Was ist eigentlich Hochsensibilität?

Hochsensible nehmen Dinge um sich herum aufgrund offener Antennen intensiver wahr als andere Menschen und häufig nehmen sie auch mehr wahr. Das können unterschiedliche Sachen sein. Und deswegen gibt es auch viel mehr zu verarbeiten als bei anderen Menschen. Es fehlt eine Schranke, ein Filter, Dinge einfach auszublenden. Ein Beispiel?

Die vielen Menschen am Bahnhof oder am Flughafen, dieses Gewusel um mich herum, stresst mich ungemein, wenn ich losfahre. Nicht, weil mich Menschen stressen, ich mag es sehr, neue Menschen und neue Geschichten kennenzulernen. Aber viele Menschen auf einem Haufen sind schwierig  – für mich. Weil ich ihre Energiefelder wahrnehme, wenn ich hinschaue. Normalerweise schaue ich nicht hin, aber wenn ich gestresst bin und aufpassen muss, den Flug oder die Bahn nicht zu verpassen, dann fällt diese Schranke schon mal und ich bekomme eben doch stärker mit, wie sich der Mensch neben mir gerade fühlt. Viel zu “sehen” ist in diesem Fall sehr anstrengend und leicht überfordernd, weil ich mich nicht verschließen kann. Hat dann jemand vor mir zu viel Parfüm aufgelegt, bekomme ich rasende Kopfschmerzen, weil ich es nicht mehr verarbeiten kann. Oder kommt dann noch Hunger oder Durst dazu, bin ich ebenfalls völlig erledigt.

Gruselige Geschichten gehen für mich nicht, Kriegsmuseen schon gar nicht, noch nicht mal einen Krimi vertrage ich, denn ich träume davon wirklich wochenlang schlecht und wache nachts auf. Darüber haben früher viele Menschen gelacht und mich versucht, zu überreden, Sachen dennoch zu tun. Ich solle mich nicht so anstellen, wie oft habe ich das gehört. Heute weiß ich: Ich lasse es lieber bleiben.

Was tun mit Hochsensibilität auf Reisen?

Schritt 1 ist für mich: Zeit nehmen beim Losfahren. Sich selbst ordentlich versorgen, bevor es auf Reisen geht, ist elementar. Ich meine damit nicht nur, das Essen und Trinken, sondern auch das Insichgehen. Zehn Minuten reichen mir schon, mich in Ruhe zu versenken, zu meditieren oder einen Spaziergang zu machen, um Kraft zu tanken. Je länger diese Zeit ist, umso besser aber wäre es. Schritt 2: Wenn ich mich den Situationen der Sinnesüberforderung stelle, dann muss ich auch sicherstellen, dass ich mich zurückziehen kann. Dazu unten mehr. Und Schritt 3: Niemals Hunger aufkommen lassen!

Essen in der Emilia Romagna

Hochsensible und Hunger

Eines der sicheren Kennzeichen für Hochsensibiltät ist der Umgang mit Hunger: Hochsensible Menschen bekommen gerne von einem Moment auf den anderen Hunger. Ganz plötzlich. Ganz unerträglich. Und wenn sie ihn haben, dann geht ganz schnell nichts mehr. Die Überreizung der Sinne führt gerne mal dazu, dass sie entweder unwirsch werden (nein, das ist untertrieben. Hochsensible explodieren auch gerne mal von einem Moment auf den anderen, wenn sie hungrig sind). Andere bekommen rasende Kopfschmerzen. Deswegen habe ich immer Essen auf Reisen dabei. Und das ist für mich wichtig: Es darf kein Junk Food sein, keine Kekse oder Gummibärchen, sondern es muss etwas Nährendes sein. Ich saß schon oft Karotten knuspernd im Flugzeug. Nüsse und Trockenfrüchte habe ich zudem fast immer in der Tasche. Wenn nicht, oh je! Oftmals stellt sich dieser Hunger übrigens ein, wenn die Sinne auf Hochtouren laufen.

Viele hochsensible Menschen können nicht mehr das Essen von der Stange zu sich nehmen. Eine schnelle Pizza unterwegs geht bei mir nur im Notfall. Vegetarische und vegane Restaurants sind ein echter Segen für mich, weil ich dort eben meistens Nahrung in hoher Qualität finde (die sich schnell verzehren lässt).

Essen gehen auf Euböa, Amalia kocht, Chalikda, Tipps

Hochsensible und Rückzug

Einer der wohl wichtigsten Punkte ist der Rückzug. Wenn man derart viel wahrnimmt, dann braucht man seine Zeit, Dinge zu verarbeiten. Am besten allein irgendwo in einem (Hotel-) Zimmer ohne Sinnesreize. Ich bin oft schief angeschaut worden, weil ich abends nicht mehr mit in Bars oder Kneipen gegangen bin auf einer Reise. Heute weiß ich: Es geht nicht, sonst zieht mein Körper mit Krankheit die Notbremse, denn ich brauche die Zeit der Ruhe zwischendrin. Wenn das nicht geht, brauche ich zumindest im Bus oder im Zug eine Zeit, um einfach nur lange für mich aus dem Fenster zu schauen – ganz für mich allein. Und gerne mit Kopfhörern, damit ich ganz in meine eigene kleine Welt versinken kann, ohne bei den Gesprächen der Nachbarn doch wieder alles zu hören. Und ich meine nicht nur ein Gespräch, meistens folge ich in der Bahn gleich mehreren Gesprächen gleichzeitig.

Milos, Kraftplatz, Kykladen, Griechenland

Hochsensible und Kleidung

Ein Etikett im Nacken kann mich kirre machen – übrigens ein typisches Anzeichen für Hochsensibilität (vor allem bei Kindern). Ich kann dann dieses Kratzen nicht mehr ausblenden. Deswegen ist es gerade für die Zeiten unterwegs wichtig, dass die Kleidung weder zwickt und zwackt, sondern tatsächlich eine zweite Haut ist, gut atmen kann und auch die Schuhe weder zu dick noch zu dünn sind.

Hochsensible und Gerüche und Geräusche

Ein schwieriges Thema sind die Gerüche. Vor allem die künstlichen. Parfüm und Duftstoffe sind wirklich schwierig zu verarbeiten für viele Hochsensible. Man kann sich dagegen kaum schützen, denn irgendwo gibt es auf Reisen immer Stellen, die einen umhauen, vor allem in den Großstädten. Umso wichtiger sind dann wieder Rückzug und Pausen. Gleiches gilt für Geräusche. Eine brummende Klimaanlage im Hotel geht einfach nicht (wehe, ich finde den Aus-Schalter nicht). Gerade auf Reisen ist es für mich wichtig, nicht überreizt zu werden. Und falls doch mal (das kann übrigens auch ein ganz sonniger Tag am Strand sein, es muss nicht immer mit vielen Menschen zu tun haben), dann ist es für mich wichtig, nicht so schnell den Ort zu wechseln sondern auch mal inne zu halten – und, ganz wichtig – meinen Rückzugsplatz zu haben.

Milos, Sarakiniko, Strand, Kykladen

Hochsensible und Kaffee oder Alkohol

Viele Hochsensible können Kaffee nicht gut vertragen, werden davon übermäßig hibbelig oder unruhig. Mit Alkohol verhält es sich ähnlich, doch da stellen sich die Folgen erst am nächsten Tag ein, der Kater ist oftmals schlimmer, selbst wenn es nur ein Glas Wein ist. Ich bin froh, dass es heute viele Menschen gibt, die viele Dinge nicht vertragen, so guckt micht nicht jeder verständnislos an wie früher, wenn ich beides immer abgelehnt habe. Trinke ich es doch, brauche ich danach Ruhe und Krafttank-Momente.

Tipps für Erfurt, Restaurant, Essengehen in Erfurt, Peckhams

Inzwischen existieren viele Tests, um Hochsensibilität zu erkennen. Ich halte von denen nicht viel, denn sie sind so durchschaubar. Am besten ist es, sich in das Thema einzulesen und zu prüfen, ob es wirklich auf einen selbst zutrifft oder nicht. Denn darum geht es ja in erster Linie: Um die Selbsterkenntnis und auch, Selbstbewusstsein zu generieren und nicht zu glauben, man ist mimosig, nur weil man anders ist.

Es gibt einige hilfreiche Seiten über dieses Thema im Internet, etwa www.hochsensibel.org. Und Daniela von Sinne und Reisen hat auf ihrem Blog einen ganz ähnlichen Beitrag verfasst, lest doch mal rein. Und hier gibt es viele weitere Tipps zum Thema Reisen und Hochsensibilität.  Denn das Label Hochsensibilität hilft vielleicht den Anderen, aber mir hat es mehr im Umgang mit mir selbst geholfen. Ich verstehe jetzt, warum ich auf Situationen eben anders als andere regagiere und ziehe daraus selbstbewusster als früher meine Konsequenzen. Insofern sind solche “Modeerscheinungen” doch ganz gut. Denn sie machen Dinge sichtbar und bewusster.

Zudem glaube ich, dass jeder Mensch diese Gabe hätte, aber eben viele ihre Talente auf mehrere Töpfe verteilen und deswegen manches besser wegstecken können.

 

 

 

17 Kommentare

    • Liebe Ute, auf DIE Schlüsse bin ich ja gespannt. Aber es muss ja nicht alles öffentlich bequatscht werden, vor allem nicht bei so einem empfindlichen Thema. Danke dir, so Persönliches aufzuschreiben, ist ja oft nicht ganz einfach. Liebe Grüße

      • Erst wenn man (in diesem Fall ich und viele andere Deiner Follower) so einen Beitrag liest, wird klar: nicht nur man selbst, auch andere empfinden so. Es wird halt nicht drüber gesprochen. Ich kann nur sagen: toller Bericht und ja, auch finde mich wieder. Liebe Grüsse Ute

        • Liebe Ute, danke, das ist sehr schön, solche Rückmeldungen zu bekommen. Dann schreib ich gern öfter über das Thema, denn es ist schon wichtig, darüber zu erzählen und sich auszutauschen. Liebe Grüße

  1. oh je, ich verstehe in diesem Beitrag alles ! Ich versuche auch viele Menschen zu meiden und wenn es nicht geht, warum auch immer, neige ich zur Panik. Vermeide generell Menschenmassen wie z. B. Konzerte oder Weihnachtsmärkte oder Vergnügungsparks einfach alles, wo man diese Massen antrifft. Am besten geht es mir alleine auf einem Berg oder am Meer. Da kann ich stundenlang nach unten schauen oder am Meer in die Weite und den Wellen zuschauen. Benötige kein Buch, sondern einfach nur die Augen und dabei kann ich völlig abschalten. Wo ich anders bin, ist deine Einstellung oder Eigenschaft was das Essen anbetrifft. Also eine Pizza zwischendurch geht ganz gut, aber mit der Karotte hätte ich Probleme im Flugzeug. Ich bin kein großer “Esser” aber wenn dann sollte es schon mein Geschmack sein. Auch der Besuch in einer Bar ist kein Problem so lange es noch Platz gibt, also keine Menschenmassen den dann vergeht mir die Lust und ich muss sie verlassen. Was ich nicht tun werde, ist das Anstehen an einer Theke womöglich in der dritten Reihe. Was mir auch missfällt, sind Flugzeuge mit 3er Sitzreihen. Muss im Gangbereich sitzen. Am Fensterplatz bekomme ich so eingeengt die Krise ! Oh je ich könnte noch soviel schreiben !!!! Also ich verstehe manches, was du so geschrieben hast !!!!

    • Lieber Manni, dann sag ich mal: Willkommen im Klub! Jeder hat ja andere Einschränkungen durch diese Sinnesüberforderung und manche schaffen das mit dem Essen auch ohne den Gesundfaktor. Nur typisch, wirklich typisch ist wohl, dass der Hunger plötzlich kommt und dann auch echt nichts mehr geht. Und dass man gut mit sich allein sein kann ist ein Indiz, aber kein Beweis. Schön, wenn du dich wiedererkannt hast. Da freue ich mich, denn genau das soll dieser Beitrag ja: Menschen zeigen, dass es möglicherweise Gründe hat, warum sie so reagieren. Danke für deine Offenheit. Ganz liebe Grüße

  2. Das ist ein informativer und gut geschriebener Bericht! Interessant sind deine Erfahrungen beim Reisen. Bei mir ist es seltsamerweise genau umgekehrt: auf Reisen funktionieren meine Filter auf einmal. Ich kann durch Flughäfen gehen, durch Bahnhöfe, in Restaurants und mich auf Plätzen aufhalten. Nur die Klimaanlage im Hotelzimmer geht nicht, alles andere schon.
    Aber zu Hause … hör ich so viele Geräusche, die sonst niemand hört, und das ist fürchterlich. Auch den plötzlichen Hunger mit starker Gereiztheit kenne ich, auch nur zu Hause.
    Deshalb reise ich so gern und oft!

    • Das ist ja witzig, du hast das andersrum? Auch ein spannender Ansatz. Ja, dieser Hunger und die Gereiztheit ist wirklich misslich in vielen Situationen. Aber Menschenmengen und wohlfühlen? Das gelingt mir selten, oder aber, wenn ich es eben ganz dolle möchte und mich drauf freue, weil es ein tolles Konzert oder so ist. Danke auch für das Kompliment zu den Bildern. Liebe Grüße

  3. Hochsensibel nennt man das. Ich entdecke vieles an mir selbst und habe auch Wege gefunden manche Situationen auszuhalten. Gerüche sind bei mir ganz schwierig und da komme ich sehr schnell in Stress. Am besten halte ich viele Menschen mit einem lieben Menschen neben mir aus, denn dann bin ich abgelenkt. Bei jeder Reise lerne ich mich mehr zu verstehen und Wege der Erholung zu finden. Es muss dabei immer eine Möglichkeit geben das Meer, ein See oder ein Fluss zu sehen.

    LG Andrea

    • Liebe Andrea, ja, so nennt man das. Und toll, dass es endlich einen Oberbegriff dafür gibt, oder? Etwas, wo unser ewig zweifelnder Kopf Beruhigung findet und sich einsortieren kann. Rückzug halte ich für ganz wichtig – immer.
      Liebe Grüße und danke wiedereinmal für deine Worte
      Andrea

  4. Hallo liebe Andrea,
    Danke für den eindrucksvollen Bericht. Ich beschäftige mich mit der Hochsensibilität seit 2012 und versuche immer noch für mich Grenzen zu ziehen. Für mich ist es am Schlimmsten, negative Gefühle und Energien zu spüren. Ich kann sie fast körperlich packen.
    Und … Danke für die eindrucksvolle bildhafte Beschreibung. Obwohl über dieses Thema, wie Du anfangs erwähnt hast, sehr viel im Internet zu lesen gibt, Danke, dass du dann trotzdem darüber geschrieben hast. In vielen Punkten stimmt es bei mir genauso. Du hast das so schön beschrieben dass es sehr gut nachvollziehbar ist. Wenn ich es anderen versuche zu erklären, verstehen sie es nicht oder aber , haben kein Verständnis.

    Unter healthyhabits.de “der/die Partner/Partnerin Eine Bedienungsanleitung”, findet man ebenfalls eine gute Beschreibung.
    Elaine N. Aron war eine der ersten, die über Hochsensibilität geschrieben hat, da sie selbst eine ist. Empfehlen könnte ich die Bücher von Georg Parlow “zart Besaitet” und von Rolf Sellin “Wenn die Haut zu dünn ist”.
    Auch wenn sich viele Texte ähneln, man findet immer wieder einen kleinen Teil, der weiter hilft.

    Lieben Gruß
    Kerstin

    • Liebe Kerstin, wie schön, dich auch hier zu treffen. Danke für dein Feedback. Ja, das körperliche Spüren der Emotionen auch der der anderen ist eben so eine Sache, die einen wirklich umhauen kann und das fast täglich. Aber auch das Nachdenken über eine Bemerkung, die irgendwo tief getroffen hat, das können andere oft nicht mehr nachempfinden. Am schlimmsten aber ist es wohl sich dann selbst zu verleugnen und zu zwingen, doch wieder ins Normalschema zurückzufinden. Danke für deine Links, ich kenne einige der Seiten schon aber nicht alle. Und ich sitze auch gerade noch an einem weiteren Post zu diesem Thema, das natürlich nicht neu ist, aber im Erkennen und Sich-Anerkennen viel Hilfe bringt.
      Wir sehen uns ja bald sowieso, scheint mir, oder 😉
      Ganz liebe Grüße
      Andrea

Ich freue mich über Kommentare