Ostsee: Wenn aus Heiligenhafen Holyharbour wird…

Heiligenhafen, Beach Motel, Strand, Seebrücke

Heiligenhafen hat ein völlig anderes Gesicht bekommen in diesem Jahr: Einen extra Strand und ein ganz neues Zentrum, wo früher grüne Wiese war. Ein Besuch vor Ort.

Heiligenhafen, wir müssen reden. Du hast dich ganz schön verändert in den letzten Jahren. Ich kenne dich schon Ewigkeiten. Als Kind bin ich durch den Graswarder gelaufen, habe Vögel beobachtet und in deinen Wellen geplantscht. Mit meinem Opa die Unterschiede zwischen Lachmöwe und Austernfischer gelernt und das Meer zu beiden Seiten des Graswarders genossen. Doch dann kam der Hafen – der große Yachthafen. Meine Ferienfreundin hat während der Bauarbeiten viele und große Bernsteine gefunden und ich konnte es nicht fassen, dass dort eine so riesige Baustelle entstanden ist und staunte über Bagger im Wasser.

 

Heiligenhafen, Beach Motel, Strand, SeebrückeDer Yachthafen gehört heute zu dir wie Kirchturm und Graswarder. Heute liegen dort 1000 Segelboote, Katamarane, kleine und große Schiffe klappern fröhlich im Wind vor sich hin, ein Meer von Masten, wo früher Weitsicht herrschte. Ok, akzeptiert. Dafür blieb dein Stadtzentrum herrlich vertraut mit den Backsteinhäuschern, den Lädchen und den Fischbuden. Obwohl eine Tendenz zu sehen war – mehr und mehr spielte sich das Leben dort ab, wo ich als Kind auf Kies und Wiese Fahrradfahren geübt hatte.

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Blick auf den Graswarder

Herrlich einsam war der Graswarder, so einsam, dass ich mit meinem Opa damals so manche Politikergröße dort abends beim Spaziergang traf und man sich persönlich grüßte, dass es Verteidigungsminister Hans Apel war, wusste ich damals ebenso wenig wie was ein Verteidigungsminister ist. Heute ist der Weg zum Graswarder oftmals eher ein Schaulaufen, auf die Idee, seinen Hut für die Begegnung mit dem anderen kurz zu lupfen, käme hier wahrscheinlich kaum jemand mehr, schon gar nicht ein Verteidigungsminister. Auch akzeptiert. Ebenso wie die Seebrücke, die seit einigen Jahren deinen Strand ziert und eine wirklich romantische Promenade in den Sonnenaufgang bietet.

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Heute steht auf der einistigen freien Fläche das Beach Motel.

Grüne Wiese und Weite am Yachthafen sind verschwunden, ok, der Parkplatzcharakter war vielleicht auch nicht so das Beste in dieser exponierten Lage. Dafür weht jetzt amerikanischer Wind, denn dort steht jetzt ein Hotel, besser gesagt, ein Motel: Das Beach Motel. Und wie es mit Veränderungen so ist, zunächst fand ich den Gedanken scheußlich, dass auch dieses kleine, wilde Stück von dir nun gezähmt und verbaut werden sollte. Bis ich dort war. Und es toll fand, was letztendlich vor allem das Beach Motel in Gang gebracht hat. Diese kleine Einkaufsmeile direkt am Hafen mit den Geschäften, der schöne Strand. Und dann dieses Hotel. Ich darf hier so schwärmen, denn ich war privat dort. Eine riesige Lobby mit schweren Ledermöbeln und einem kuscheligen Kamin ist ja schon ein wunderbarer Empfang. Die lustig weiß gepinselten Koffer auch. Aber was ich wirklich so schnell nicht vergessen werde, ist es, mitten in der Nacht von den ersten Sonnenstrahlen des Morgens geweckt zu werden, verschlafen die Augen aufzuschlagen und direkt in den Sonnenaufgang vom Bett aus zu blicken und das Spiel aus Wolken und Meer zu bewundern. So wunderschön geweckt zu werden, das ist wirklich Urlaub.

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Okay, manchmal müssen Veränderungen einfach sein, damit es weitergeht und man nicht in seinem 1970er-Jahre-Image steckenbleibt. Sehe ich ein, Heiligenhafen. Ich mag diesen neuen Komplex. Nein, eigentlich mehr, ich habe mich verliebt in das Beach-Motel mit seinen Bars, dem Schwimmbad, den Familien und den vielen Hundemenschen, die sich dort tummeln. Es war plötzlich ein anderes Lebensgefühl, es kribbelt vor Kreativität und Energie. Ich mochte das wunderbare Frühstück, die Dusche mit Meerblick. Den schnuckeligen VW-Bus vor der Tür. Plötzlich kommt das, was immer gefehlt hat, in diese alte Ostseeferienstadt: Lifestyle, sportlich-junger Geist.

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Neue Einkaufsmeile

Ich fühle mich nicht mehr wie im Kurzentrum oder in einer Feriensiedlung der 1970er, sondern tatsächlich im Jetzt mit all seinen Trends. Das mag ich. Ein Imagewandel, der wirklich gelungen ist. Und so richtig gefreut habe ich mich, als ich den neuen Strand am Binnensee sah. Genau, das hatte immer gefehlt, auf diese riesigen Wackersteine setzte man sich nicht, aber plötzlich gibt es hier einen neuen Sandstrand, wie schön, denke ich. Als ich hinterher höre, dass der Sand aus Dänemark angekarrt worden ist, schmälert das meine Freude ein wenig – umweltfreundlich ist das bestimmt auch nicht. Dennoch ist es ein Gewinn und wahrscheinlich eine gute Investition in deine Zukunft, Heiligenhafen.

Man kann jetzt schon sehen, dass du den Charme des in die Jahre gekommenen Ostseebades verloren hast und wirklich jung und stylisch sein kannst. Und das vor allem mit dem Schwung des Baus zweier Hotels. Das finde ich unglaublich.

Nur eines mag nicht nicht: Im Beach Motel wird manchmal aus Heiligenhafen Holyharbour. Überall lese ich diesen Namen, der mir so fremd ist. Dein neues Gesicht ist es nicht, ich finde mich prima zurecht und auch meinen Graswarder erkenne ich wieder. Und das Beach Motel als solches ist ein echter Gewinn für den Ort. Aber dieses Holyharbour, das hier überall an der Bar und auf den Wolldecken meines Bettes aufgedruckt ist, das mag ich nicht. Lassen wir doch wenigstens deinen Namen so wie er war, wenn alles andere schon mit der Zeit gehen muss.

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Holyharbour steht auf der Decke

13 Kommentare

  1. so ist das in der heutigen Zeit ! Mich stört das sowieso das man soviel amerikanisiert ! Früher gab es ein Strandhotel oder einen Strand. Heute redet man vom Beach ! Dies ist nur ein Beispiel von vielen !
    Wenn es nach mir gehen würde, würde ich all dieses Getue abschaffen. In Amerika sollen die zu ihrem Strand Beach sagen aber ich möchte in Deutschland das Wort Strand lesen und sprechen können. Dies nur so am Rande !!!
    Der VW Bus hat es mir angetan ! Wunderschön und da fallen einem schon die schönen Zeiten der 60-70iger Jahren ein ! LG Manni

    • Lieber Manni,
      ja – Beach muss nicht sein, lockt aber offenbar ganz viele junge Menschen an. Und das tut dem Ort gut, also hat alles immer 2 Seiten. Aber jenseits davon: Der Bus ist zum Mitnehmen schön, oder? So einen würde ich mir ja auch wünschen. Liebe Grüße, danke fürs Vorbeischauen

  2. Mir hat das Heiligenhafen1963 eigentlich sehr gut gefallen. Ich habe dort einen schönen Sommerurlaub als 14 jährige,auf einem Campingplatz verbracht.1986 war ich dann mit Mann und Kind in Heiligenhafen und habe gute Erinnerungen an den Urlaub. Vielleicht bin ich ja in einem Alter wo ich nicht mehr so viele neue Trends brauche 🙂

    • Liebe Monika, danke fürs Vorbeischauen. Heiligenhafen fand ich früher auch toll, aber es war eben in den letzten Jahren doch in die Jahre gekommen. Jetzt ist es wirklich jünger und frischer und irgendwie gibt es doch nichts Beständigeres im Leben als Veränderungen, oder?
      Liebe Grüße

  3. o je, das haut rein. ich kenn heiligenhafen aus den achtzigern, bin seither nie mer dort gewesen und habe nun den eindruck, dass ich mich furchtbar erschrecken werde, wenn ich mal wieder hin fahre. was mich früher allerdings störe, war der truppenübungsplatz neben dem campingplatz. vielleicht ist der ja heute weg, das wäre dann ein pluspunkt…

    • Lieber Peter, danke für den Kommentar. Nee, Heiligenhafen hat sich trotzdem zum Vorteil verändert, denn man muss sich ja den neuen Gegebenheiten irgendwie anpassen und neu erfinden. Ich fand das sehr stimmig und viel besser als diese 70er-Jahre-Betonsünden, die überall stehen. Das ist richtig hübsch geworden. Es lohnt sich, dort mal hinzufahren. Letztendlich erkennt man ja kaum eine Stadt wieder, wenn man lange Jahre nicht dort war, weil sich jede Stadt so massiv verändert, das haben wir in Hannover, aber Hamburg verändert ja auch sein Gesicht und das ist gut so.
      Liebe Grüße

  4. Andrea ! Kann das sein dass mit deinem Blog hier wieder was nicht stimmt ? Warum kommen deinen Antworten hintereinander und nicht hinter dem KOmmetar des Besuchers ? Nur so eine Frage !!

  5. Hallo Andrea,
    ja, da hat sich viel getan an der Küste, genauso wie im Harz. Scharbeutz ist super toll geworden, aber für mich hat Heiligenhafen einiges an Flair verloren. Gut, dass einerseits viel investiert und der 70er Charme abgelegt wird, wobei es auf mich irgendwie so „gewollt“ wirkt – im Gegensatz zu anderen Küstenorten. Holyharbour? Naja. So viel gezwungene „Lässigkeit“ muss vielleicht nicht sein. Viele Grüße, Lisa

    • Liebe Lisa, ja, das hat mich auch sehr stark an den Harz erinnert. Und ich hoffe, dass es dort auch noch so anzieht, denn so komisch es auch wirkte, es tut dem Ort letztendlich gut.
      Danke fürs Vorbeischauen übrigens! Freut mich immer sehr

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