Beim Schamanen in der Mongolei – warum Technik manchmal streikt (Teil II)

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In der Mongolei war Schamanismus lange Staatsreligion. Wie die Schamanen dort arbeiten, durfte ich auf einer Mitternachtssitzung selbst erfahren. Im Tal der Schamanen in der Mongolei, Ulan Uul im Norden des Landes, habe ich Einblick in die alte Technik der Geisteranrufung bekommen. 

Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Mit Jurte und traditionellem Wollmantel. Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich Schamanen als erstaunlich weltlich treffe. Man denkt vorher immer, sie müssten irgendwie besondere Kleidung haben und sich anders benehmen – völliger Quatsch, wie ich gelernt habe. Schamanen sind Menschen wie du und ich, sie trinken Bier, sie rauchen – und sie tragen Badelatschen und Jeans. So wie dieser. Er wohnt in einem  unauffälligen, kleinen Holzhaus, bei uns eher die Kategorie Gartenlaube. In der Tür steht eine kleine Frau mittleren Alters und ihr Mann mit Jeans, T-Shirt und Badelatschen. Sie führen uns in ihr Wohnzimmer, ein kleiner Raum mit einem Teppich in der Mitte, einem kleinen Schränkchen, das als Altar genutzt wird. Auf dem Altar steht ein Räuchergefäß, das Schwaden von Wacholderrauch vor sich hin pustet. Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan Uul

Schamanisches Ritual in der Mongolei

Die Trommel samt Drumstick liegen ebenfalls auf dem Altar. Darüber hängt ein Gewirr aus Tüchern – typisch für die Schamanen in der Mongolei. Der Schamane raucht ganz weltlich eine Zigarrette und seine Frau bittet uns, Platz zu nehmen – auf dem mit Tüchern abgedeckten Bett, auf kleinen Hockern oder dem Boden bilden wir einen Kreis um den Teppich. Der Schamane zieht die letzten Züge an seiner Zigarette, während seine Frau uns erklärt, dass er gleich in die Geisterwelt reisen wird und dort die Antworten finden kann auf die Fragen, die wir stellen. Er wird dazu seine Trommel nehmen und in ganz eigenen Sprache sprechen, die sie uns übersetzen werde. Er werde die Menschen aufrufen, die Fragen an ihn stellen werden und dann würde sie uns zeigen, was zu tun sei. Obwohl ich die ganze Zeit genau darauf gewartet hatte, an einem schamanischen Ritual teilzunehmen, möchte ich hier einfach nur zuschauen. Ich weiß nicht, ob es Angst ist oder einfach, dass ich ihm seine Arbeit nicht abnehme, weil der andere Schamane ja heute nicht arbeitet, denn für ihn steht der Mond ja ungünstig. Jedenfalls melde ich mich nicht, als gefragt wird, wer den Schamanen etwas fragen möchte.

Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan UulDie Sache mit der Technik

Bevor wir losgefahren sind, hatten wir Instruktionen von Ono bekommen. Sie sprach über diese Dinge, als wären sie so selbstverständlich wie Händewaschen oder Einkaufen: “Bei den Schamanen in der Mongolei wirkt ein ganz eigenes Energiefeld. Es ist nicht gut, technische Geräte mitzunehmen, denn sie gehen dort oft kaputt. Bitte lasst Eure Kameras und Aufnahmegeräte hier.”  Außerdem bat sie uns, keine Scherze zu machen und nicht herablassend zu reden, denn die Schamanen seien für die Mongolen etwas sehr Wichtiges und fast Heiliges.

Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan UulDas mit der Elektrik war interessant und mir nicht unbekannt. Ich habe selbst oft erlebt, dass elektrische Geräte plötzlich ausfielen oder unerklärliche Fehler hatten, wenn ich spirituell gearbeitet hatte oder einfach nur im völligen Einklang mit allem um mich herum war. Das letzte Mal war es mir vor einigen Tagen passiert, als ich das Mitsommerritual mit den Mongolen gefeiert hatte, plötzlich zeigte meine Kamera Error an und löste nicht mehr aus. So konnte ich viele Momente nicht einfangen, weil die Technik kaputt war und ich habe keine große Auswahl an Mongoleifotos mitbringen können. Die Kamera ging dann für zwei, drei Fotos wieder und dann wieder nicht. Totaler Schluss war, als ich den Schamanen am Lagerfeuer portraitiert hatte, danach ging sie nicht mehr. Und das Aufnahmegerät unseres Vogelkundlers machte an diesem Morgen ebenfalls die Grätsche. Zufall oder nicht, jedenfalls hatten wir Technikprobleme. Und da es nirgendwo Strom gab und das seit Tagen, konnten wir auch die Handykameras nicht mehr einsetzen.Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan Uul, Schamanenkostüm

Oberwelt und Unterwelt der Schamanen in der Mongolei

Zurück zum Schamanen. So gegen Mitternacht startete das Ritual des Schamanen in der Mongolei. Er ließ sich von seiner Frau einen bunten, bodenlangen Umhang reichen, an dem lange, bunte Stoffbänder bis zum Boden hingen. Der Umhang sah alt und sehr viel benutzt aus. Dann bekam er eine schwarze Maske über die Augen gesetzt, damit er nach innen sah anstatt nach außen. Sie war mit langen Federn versehen, die ihn mit der “Oberwelt” in Verbindung bringen sollte. Wer es nicht weiß, die Schamanen glauben an die Oberwelt, die Mittelwelt und die Unterwelt. Drei Begriffe, die man grob mit geistige Welt (Oberwelt), unsere Welt (Mittelwelt) und Unterbewusstsein (Unterwelt) bezeichnen könnte. Es gäbe da viele Abstufungen und viel zu erklären, doch das hier soll in Kürze dazu ersteinmal reichen. In der Oberwelt kann der Schamane geistige Führer, Ahnen oder andere Wesensheiten treffen, hier bekommt er Hinweise, wie die Probleme zu lösen sind. Unser Schamane, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, würde sich also gleich in Trance begeben. Seine Frau band sich ein blaues Tuch um den Kopf und stand ihm wartend zur Seite. Er räuchert mit dem Wacholder den Altar ab, verneigt sich vor dem Schal und murmelt etwas vor sich hin. Dann schreitet er in die Mitte des Raumes, lässt sich seine Trommel reichen und fängt zu wippen. Er wippt vor und zurück und trommelt dabei, bis er einen ganz eigenen Rhytmus gefunden hat. Jetzt ist er im Trance.Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan Uul, dreizack

Im Trance

Der erste, aus unserer Gruppe, der eine persönliche Frage an ihn hat, wird zu ihm gebeten. Die Frau platziert ihn hinter den Schamanen, der nun heftig wie von Stromstößen getrieben, auf und ab wippt und auch immer wieder die Bodenhaftung verliert. Er trommelt schnell und laut, an der anderen Seite des Drumsticks wippen lange Lederbänder mit. Der Ratsuchende wird direkt hinter den Schamanen gesetzt, der davon kaum etwas mitzubekommen scheint. Die Frau greift an den Mantel des Schamanen, nimmt ein Bündel der Stoffstreifen und reicht es dem Ratsuchenden. Er hält es fest und der Schamane hüpft aus dem Schneidersitz immer noch auf und ab. Er brabbelt inzwischen Unverständliches vor sich hin, wird lauter und bestimmter, fast wütend und fast so, als müsse er Feinde von seinem Grundstück verjagen. Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan UulDann wendet er sich dem Ratsuchenden zu und schlägt ihm mit den Lederriemen seines Trommelstabs mehrfach über den Rücken. Er trifft nicht, was so martialisch aussieht, soll die Energien aus der Aura vertreiben, die dort nicht hingehören. Das Trommeln wird wilder, dann mildert es ab und die Frau führt den Ratsuchenden wieder zu seinem Platz. So geht es weiter. Der nächste ist dran. Wie lange wir beim Schamanen in der Mongolei sitzen, weiß ich gar nicht, im schwachen Dämmerlicht sehe ich, dass manchen meiner Mitreisenden die Augen zufallen. Als alle dranwaren, geht irgendwie ein Raunen durch die Reihe. Mongolei, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo

Überraschung beim Schamanen

Der Schamane wird unruhig und fragt: “Wer ist diese Frau?” Dann zeigen sie auf mich. War ich eben noch im Dämmerzustand, schießt das Adrenalin plötzlich in meine Adern. Was ist passiert? Die Frau des Schamanen führt mich zu ihm. Ich wollte doch gar nicht. Da sitze ich nun, halte mich ebenso an den Bändern seines Umhangs fest und spüre die Vibrationen seines Trommelns und Hüpfens. Er wirkt nicht so unruhig wie bei den anderen, eher entspannt. Er “peitscht” auch nicht auf meinem Rücken herum. Ich spüre aber, dass er weggetreten ist, in einem wirklich anderen Zustand. Dann murmelt er etwas, trommelt und ich darf den Kreis verlassen.Vorher reicht er mir kurz die Hand, das hat er bei den anderen nicht gemacht. Dann verlangsamt er seinen Trommelschlag, bis er immer ruhiger wird. Er fängt jetzt unglaublich an zu zucken, so als würde er einen Krampfanfall bekommen. Dann werden auch diese Zuckungen immer weniger. Seine Augenbinde hat er noch immer um. Seine Frau zündet ihm eine Zigarette an und steckt sie ihm in den Mund. “Es hilft ihm, wieder in Kontakt mit unserer Welt zu kommen”, sagt sie. Er pafft in schnellen Zügen, der Schweiß rinnt über sein Gesicht. Dann nimmt er seine Maske ab und setzt sich ruhig rauchend in die Ecke. Als wir dann draußen unter dem klaren Sternenhimmel stehen und zu unseren Jurten wollen, sehe ich, dass es nach drei Uhr morgens ist. Drei Stunden waren wir im Ritual.

Alles in Ordnung

Mongolei, Tal der Schamanen, Lake Hovsgol, Schamane, Oovo, Ulan UulDas Adrenalin steckt immer noch in meinen Adern und macht mich wach. Ich kann nicht schlafen, muss aber ja vorher sowieso noch mit der Übersetzerin sprechen. Sie sagt mir, dass er gesagt habe, mit mir sein alles in Ordnung. Ich hätte keine Probleme, aber ich sollte täglich zu meinem Gott beten. Aha, eine klare Ansage. Schlafen kann ich jetzt trotzdem nicht mehr, diese Eindrücke bleiben noch lange in meinem Kopf.

Natürlich habe ich keine Bilder von der Sitzung, aber ich habe meine Eindrücke gemalt. Und damit dieser Bericht nicht ganz so fade wirkt, habe ich ihn mit Mongoleiimpressionen bestückt, die die Umgebung zeigen.

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Dieser Trailer gibt ein wenig Einblick in die Arbeitsweise der Schamanen in der Mongolei. Mir macht er immer ein wenig Gänsehaut, und Euch? Den ersten Teil meiner Schamanenbegegnung in der Mongolei lest Ihr hier. Eine weitere, sehr traurige Mongoleigeschichte findet Ihr hier. Und warum ich in die Mongolei gereist bin, findet sich hier. Und hier meine Begegnung mit den Nomaden.


Die Reise wurde unterstützt vom Global Nature Fond – danke dafür!

Mehr über meine schamanische Arbeitsweise findet Ihr hier.

10 Kommentare

  1. Wow krass – also das mit der Energie, den Fehler auf einer Kamera oder so, das glaubt man doch echt erst wenn man es erlebt hat. So kann man sich das nicht vorstellen.
    Dass du nach dem Ritual nicht schlafen konntest – klaro. Ich hätte auch kein Auge zugemacht. Das mag doch sehr verwirrend sein…
    Alles in allem total spannende Erlebnisse!

    • Ja, Mel, das kann man sich erst vorstellen, wenn man dort ist. Und es war nicht das erste Mal, dass mir soetwas passiert ist. Aber es glauben mir immer erst die Menschen, wenn die Technik bei ihnen streikt und die Not dann groß ist 🙂

  2. Liebe Andrea,
    was für ein spannender Artikel und was für ein faszinierendes Erlebnis.
    Vielen Dank, dass Du uns mitgenommen hast.

    Viele Grüße,
    Sabine

  3. Spannend! Mein Herz hätte auch wie verrückt geklopft, wäre ich in Deiner Situation gewesen. Und dass Du nicht schlafen konntest, kann ich nachvollziehen…

  4. Sehr spannend, liebe Andrea. Für mich gerade als Jodler. Die nehmen ursprünglich mit den Göttern der Tiere Kontakt auf, um sich mit den Gejagten zu versöhnen. (Filme Ulrike Ottinger: Chamissos Schatten, Abt. Kamschatka/ Robben- und Waljagd). Danke für den schönen respektvollen Bericht.

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