Weiß und rund stehen sie wie Tupfer in der Landschaft. Die Jurten der Nomaden der Mongolei sind von außen total unscheinbar. Aber von innen gleichen manche von ihnen einem kleinen Sommerpalast. Eindrücke von meinem Besuch bei einer nomadischen Familie am Hovsgol-See.
Es riecht nach Butter in diesem Zelt, das von außen so klein aussieht. Ich ziehe meine Schuhe aus und betrete den sauberen PVC-Boden. Eine wahre Farbpracht leuchtet mir entgegen. Stickereien, Decken, Kissen in bunten Neonfarben zieren das Zelt. Von Mai bis September lebt Tuya 27 mit ihrem Mann Tomoroo 29 in dieser Jurte. Ihre beiden Kinder, Tselmuun (1 Jahr) und Nungun Tuya (vier Jahre) verbringen hier die schneefreie Zeit. Nungun Tuya sitzt auf dem Fußboden, isst einen Teller Nudelsuppe, ihre Mutter serviert uns einen Tee mit Yaksahne und Weißbrot mit Yakbutter. Beides ist wirklich köstlich, gar nicht so streng, wie ich mir den Geschmack vorgestellt hatte. Während draußen die Sonne bei 24 Grad scheint, hat die Familie nur ein leichtes Baumwolltuch als Schutzplane über die Stangen der Jurte gespannt. „Im Winter legen wir zwei Filzdecken drüber.
Dann wird es selbst bei minus 45 Grad warm hier drinnen“, erzählt Tomoroo und zeigt auf den kleinen Ofen in der Mitte des Zeltes, der Heizung und Herd zugleich ist. Yakdung und Äste geben eine Wärmequelle. „Innerhalb von zehn Minuten ist es dann warm“, sagt Tuya.
Sie steht jeden morgen um sechs auf, kocht der Familie den Tee und kümmert sich dann gemeinsam mit ihrem Mann um die Tiere. 20 Yaks gehören ihnen – sagen sie mit einem geheimnisvollen Zug um die Mundwinkel. Denn die wahre Zahl der Tiere zu nennen, bringt Unglück, deswegen macht man einfach andere Angaben.
Vor vielen Zelten stehen Solarpanele für die Handys und die Fernseher, die Jurten werden schon lange nicht mehr von Yakkarren oder Pferden zum nächsten Ort transportiert, sondern per LKW. Auch hier ist das 21. Jahrhundert längst angekommen. Nomadentum ist wie für Tuya und Tomoroo für viele Familien nur noch Hobby. Zu hart ist der jungen Generation das Leben. Das Trinkwasser kommt nicht aus der Leitung, sondern wird per Kanister vom Hovsgol-See geholt. Jeden Morgen kommen die Einwohner von Hatgal und den umliegenden Siedlungen, um Wasser aus dem Schwestergewässer des Baikalsees zu schöpfen.
Darin baden würden sie niemals, denn der See ihnen heilig, sie behandeln ihn wie ein Lebewesen, nennen ihn Mutter Meer, singen ihm Lieder und sprühen Wodka, um den Geist des Gewässers zu besänftigen. Immerhin birgt er rund 70 Prozent der Trinkwasserreserven der Mongolei. Ein menschenleeres Gebiet in Norden des Landes, ganz nah an der Grenze zu Sibirien. Doch seitdem eine Straße die Hauptstadt Ulaan Bator mit Hatgal verbindet, lockt der Hovsgol-See zunehmend Touristen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Besucher von einst 5.000 auf nun 45.000 gesteigert. Was bescheidenen Wohlstand in die nomadisch geprägte Region bringt, führt zwangsweise auch Probleme mit sich – Abwasser können nicht mehr geklärt werden, Müllmassen sammeln sich an, Jurtensiedlungen ohne Abwassermanagement schießen wie Pilze aus dem Boden, in der Hoffnung, mit den Tourismus Wohlstand zu erzielen.
„Die Region braucht Hilfe, um vernünftige Systeme aufzubauen“, sagt der deutsche Biologe Dr. Thomas Schäfer. Sein Arbeitgeber, die deutsche Umweltschutzorganisation Global Nature Fund (GNF) aus Radolfzell setzt sich mit Hilfe der EU für den Schutz der Region ein. Ranger werden ausgebildet, Einheimische sensibiliert und unterstützt, nachhaltige Camps mit Kläranlagen zu bauen. Ausstattung wie Fotoapparate und Funkgeräte werden den Rangern des Nationalparks zur Verfügung gestellt und Infomaterial geduckt. „Wir wollen nicht die Fehler machen, die in anderen Regionen mit schnell wachsendem Tourismus gemacht wurden. Das Ökosystem mit dem Permafrostboden der Taiga ist sehr empfindlich, alles wächst und vergeht sehr langsam“, sagt Schäfer. Deshalb soll der Tourismus hier auf nachhaltigen Themen fußen. Übernachtungen in Jurten bei Nomadenfamilien, Wanderwege und spirituelle Begegnungen sollen ausgebaut werden: „Wir stehen mit dem Tourismus ganz am Anfang. Das birgt Chancen.“
Es wäre schön, wenn das Ursprüngliche erhalten bliebe. Die Mongolei ist derzeit im großen Wandel, viele Menschen geben das Nomadenleben auf und ziehen in die Großstadt, nach Ulan Bator, die schon jetzt die vielen Menschen kaum verkraftet. Umso besser, wenn der Fortschritt auch sanft vorangehen kann wie am Hovsgol-See.
Die Reise wurde unterstützt vom Global Nature Fund – danke dafür. Mehr über meinen Besuch in der Mongolei erfahrt ihr auf meinen anderen Geschichten, Hier habe ich über den Mittsommer in der Mongolei geschrieben. In dieser Geschichte erzählle ich Euch über de Umweltschutz und hier geht es zum Schamanen.

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