Knuthenlund: Bilderbuch-Bauernhof auf Lolland

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof KnuthenlundWegen des Schnees können sie nicht draußen sein.

Es gibt Orte, da fühlt man sich, als sei man endlich angekommen. Knuthenlund auf Lolland war so ein Ort, an dem ich nicht wieder weg wollte. Ein ökologischer Bauernhof auf der Insel Lolland in Dänemark, der wie aus dem Bilderbuch scheint.

Sie hat ihn, diesen Funken im Auge, der einen ansteckt, wenn man sie nur ansieht. Doch dazu muss man sie erstmal treffen, was an diesem Morgen nicht einfach war. Ihr großer Bauernhof lag eingeschneit auf Lolland. Schon bei der Anfahrt über die Felder hatte ich Mühe, nicht vom Weg abzurutschen, da der Wind Berge von Schnee an den unmöglichsten Stellen aufgetürmt hatte und der Räumdienst bei diesen Schneeverwehungen so gut wie gar nichts bringt. Eigentlich wollte ich bei diesem Wetter ganz schnell auf die Fähre in Rødby nach Puttgarden und dann weiter auf die deutschen Straßen. Der plötzliche Wintereinbruch hatte Lolland voll im Griff. Und offenbar auch das Gut von Susanne Hovmand-Simonsen. Die einzigen, die sich darüber freuen, sind die Kinder. In den bestimmt 1,50 Meter hohen Schneeberg mitten auf dem Gutshof graben die Kleinen Löcher und Gänge. Ansonsten wirkt alles wie ausgestorben. Keine Erwachsenenseele weit und breit.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Winterlandschaft auf Lolland.

Ich war den Geräuschen nachgegangen – auf der Suche nach irgendjemandem, mit dem ich auf diesem riesigen Bauernhof sprechen konnte und traf eine junge Frau im Schafstall. Die griff zum Telefon und rief ihre Chefin an. Nach einem kurzen Gespräch erklärte sie mir: “Unsere Chefin hat den Termin mit Ihnen vergessen. Zu viel Schnee, es ist das reinste Chaos, niemand kommt mehr hierher durch.” Das hatte ich auch schon bemerkt. Und dann kam es: “Es sind hier viele Menschen in den Graben gefahren oder einfach im Schnee stecken geblieben.” Wie beruhigend! War ich doch eben noch selbst über die weißen Pisten geschlittert. Bevor ich weiter über die Gefahren nachsinnen konnte, öffnete sich die Tür des Haupthauses, eine Frau mit dichtem Lockenkopf tapste in ihre Stiefel und ging durch den knirschenden Schnee auf mich zu. Es dauerte ein paar Minuten bis sie den riesigen Hof überquert und uns erreicht hatte. “Ich bin Susanne”, begrüßte sie mich. Und da war er eben, dieser Funke: Lebensfreude, Optimusmus, Zuversicht und Vertrauen in die Welt, der aus ihren Augen blitzte. Sie schob das Holztor der skandinavisch-roten Scheune zurück. “Komm, wir setzen uns erstmal ins Café.” Ein riesiger Bau, der diesen typischen Bioladengeruch verströmte: Ein wenig nach Kräutern, ein wenig nach Käse und ein wenig nach dem Schaffett Lanolin.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Das Café des Bauernhofes.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof

Der Bioladen.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Süßholzwurzeln zum Kauen – ursprüngliches Lakritz.

Umstellung auf Demeter-Landwirtschaft

Und was sich auftat, war nicht nur ein Café, sondern ein richtiger Laden mit frischem Käse, Wurst, Seife, Mehl, Apfelwein und anderen lokalen Produkten. Soweit schien es ein ganz normaler Bio-Bauernhof zu sein, wie wir sie auch haben in Deutschland. Doch was Susanne dann mit ihrer riesigen Begeisterung erzählt, entfacht mehr und mehr den Funken der Begeisterung auch in mir. “Wir haben hier sehr fruchtbaren Boden, viele Sonnenstunden im Jahr und keine Berge, die unseren Blick verstellen. Dadurch haben wir so viel Himmel”, schwärmt sie von Lolland, ihrem Stück Heimat. “Wenn du so weit blicken kannst und so viel Platz über dem Kopf hast, dann macht das etwas  mit dir, es macht dich offen für die Welt.” Nicht nur die Liebe zu ihrer Heimat war es, die sie im Jahr 2006 zu der Entscheidung brachte, den großen Bauernhof auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, sondern zunehmend gesundheitliche Probleme in der Familie. “Ich habe festgestellt, dass das Essen von heute schlecht vertragen wird”, erzählt sie und erklärt, dass es einen Unterschied gebe zwischen Essen und Nahrung. Gutes Essen vitalisiere den Körper, schlechtes mache nur satt und devitalisiere. “Es sind so viele Leute heute allergisch gegen so viele Nahrungsmittel, das ist wie eine Epidemie – wir müssen dringend umdenken.” Ihrer Meinung nach sind es viele kleine Faktoren, die sich zu einem großen Problem summieren, nicht nur, dass Pflanzenschutzmittel und Co. Getreide, Obst und Gemüse belasten, sondern sie hat selbst Erstaunliches festgestellt, als sie ihre Landwirtschaft in Kunthenlund auf Demeter umgestellt hat.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof

Susanne Hovmand-Simonsen

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Ausnahmsweise im Stall: Die Schafe von Knuthenlund.

Sie wollte die alte dänische Kuhrasse “Rotes dänisches Milchrind”, die auf der roten Liste der bedrohten Arten steht, stärken und fing an, auf diese Rasse umzustellen. Doch: “Wir haben anfangs noch nicht genug Kühe gehabt, um aus der eigenen Milch den Käse herzustellen, also kauften wir die Milch anderer Betriebe zu.” Damit setzte sie in der hauseigenen Molkerei den Käse an, dessen Rinde ein unbehandeltes Naturprodukt ist. Bei der Reifung aber gab es ständig Probleme mit Schimmel an der Rinde des Käses. “Wir hatten Mikrobiologen hier, Fachleute, Labormenschen, viele Experten, die gesagt haben, sie können den Grund nicht finden, unsere Molkerei arbeitete einwandfrei. Es war zum Verzweifeln.” Als sie jedoch die fremde Milch nicht mehr aufkaufen musste, sondern nur noch die Milch ihrer dänischen Roten verwendete, verschwand auch das Problem von einem Tag auf den anderen. “Wir mischen zu viele Zutaten”, ist sie sich sicher. Und es seien viel zu viele Nahrungsmittel im Umlauf, bei denen nur auf Leistung gezüchtet wurde, anstatt auf Qualität. “Unsere Kühe geben deutlich weniger Milch als die normalen Leistungskühe, wir füttern sie nur mit Gras und Kräutern von unseren Wiesen und keinen anderen Zusatzstoffen, das danken sie uns mit Qualität.” Das wurde inzwischen auch international anerkannt, denn der Käse von Knuthenlund hat sechsmal den World Cheese Award gewonnen.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Gemahlen wird das Mehl noch auf alten Steinen – integriert in modernen Maschinen, das ist für die Bäuerin die perfekte Symbiose von Alt und Neu.

Handarbeit und Artenvielfalt

Es ist nicht die einzige Auszeichnung für die Arbeit von Susanne Hovmand-Simonsen. Ihr Bauernhof wurde für die größte Biodiversiät aller Höfe Dänemarks prämiert. Und diese Vielfalt ist der Bäuerin ein echtes Anliegen. “Wir müssen in Harmonie mit dem leben, was uns umgibt”, sagt sie und meint damit auch die Insekten, die Fledermäuse und die Vögel, für die ihre Farm eigene Programme ausgedacht hat, um die Artenvielfalt zu erhalten oder gar zu vergrößern. Ob Schweine, Schafe oder Kühe, der Bauernhof hält grundsätzlich nur alte Rassen, die zum einen vom Aussterben bedroht sind, zum anderen aber viel vitaler sind. Auch die Kornsorten sind die, die  schon vor 200 Jahren auf Lolland ausgesäht wurden. “Lolland war einst die Erbsenkammer Dänemarks. Ich habe jetzt alte Erbsensorten angepflanzt, weil unser Boden dafür ideal ist”, führt sie weiter aus. Nicht nur das. Knuthenlund ist ein Mikrokosmos, das Getreide wird dort gemahlen und der Käse reift in der Molkerei – aber die Arbeit ist Handarbeit. “Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob man Nahrung industriell produziert oder per Hand. Unser Käse wird per Hand gerührt, wir fassen ihn 17 Mal an, bevor er in den Verkauf geht.” Dabei wird die Milch per Hand schonend gerührt, so dass die wichtigen Moleküle erhalten bleiben. Ob Energie oder Futter für die Tiere, fast alles ist auf Knuthenlund ein komplett geschlossener Kreislauf, ein System, das sich selbst versorgt. Dabei ist der Bäuerin wichtig, dass sie im Einklang mit der Natur lebt. “Und dass wir das Beste aus unserer Vergangenheit weiterleben lassen.” Ohne dabei altmodisch zu sein, aber sie wollte das Beste aus der Vergangenheit herauspicken, wie etwa die alte Art Korn zu mahlen, es verfeinern und damit fit für die Zukunft werden. “Wir brauchen einen neuen Sinn für Qualität.” Aber wohl auch für Regionalität und – für Zeit und Langsamkeit, denn viele Lebensmittel brauchen eben die Zeit, um auszureifen und gehaltvoll zu sein.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof Knuthenlund

Lecker: Süße Pause im Hofcafé von Knuthenlund

 

Information: Knuthenlund besuchen

Kunthenlund liegt bei Stokkemarke auf der dänischen Insel Lolland und ist mit der Scandlines-Fähre von Puttgarden aus in gut einer Stunde (ab 66 € hin und zurück) von Fehmarn aus zu erreichen. Das Gut unterhält 1000 Hektar Fläche und ist für Besucher von donnerstags bis sonntags von 10-16 Uhr geöffnet, im Sommer täglich. Es gibt nicht nur ein kleines Café und einen Bio-Laden, sondern die Gäste können auch über Glasscheiben in die Molkerei, den Mahlbetrieb oder die Ställe schauen. Mehr über Knuthenlund gibt es auf der Webseite über den Bauernhof: www.knuthenlund.dk

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof

Ganz schön kuschelig auf den Stühlen.

Dänemark, Lolland im Winter, Demeter-Bauernhof

Das Café von Knuthenlund.

13 Kommentare

  1. Sehr interessanter Bericht und ganz bestimmt gibt es einen Unterschied in der Herstellung industriell gefertigter Lebensmittel.Wer einmal selbst gebackenes Brot,selbst gemachte Marmelade,um nur einige Beispiele anzuführen,gegessen hat,wird es bestätigen.
    Danke übrigens für`s folgen und ich brauch etwas zeit um bei dir zu stöbern!Hab einen schönen Sonntag und Gruß,Andreas

    • Lieber Andreas, das stimmt! Und man kann es auch spüren, wenn man das trainiert, die energielos die anderen sind, um nicht zu sagen: lieblos. Denn das, was wir nicht sehen und messen können, ist sehr wohl eine wichtige Zutat. Danke für den Kommentar, ich freue mich sehr und viel Spaß beim Stöbern in meinem virtuellen Zuhause.
      Liebe Grüße

  2. Ich habe es heute schon in einem anderen Post geschrieben. Gern würde ich Dänemark mal wieder besuchen, es ist ein tolles Land. Dein Beitrag macht Lust auf mehr,leider ist es nicht so Wohnmobil freundlich, wie die anderen skandinavische Länder.

    • Lieber Werner, ja, das mag sein, mit dem Womo-freundlich. Schade eigentlich, oder? Aber ich mag dieses Land, diese Weite, diese Einsamkeit und KLarheit sehr. Und für Seeadler ist Langeland und Lolland ja grade ganz ideal…
      Liebe Grüße

      • Andera ich spreche diesem Land auf keinem Fall seine tolle Natur und viele weitere Vorzüge ab.Ich mag das Land, war auch schon viele male dort. Ich verstehe nur nicht, warum man den sonst so freizügigen Dänen diese Freiheit nimmt. Es ist unter hohen Strafen verboten, außerhalb von Quickpläzen ( die meistens an Tankstellen sind ) zu stehen .

  3. Lolland und Langeland sind durch deine Berichte für mich erst interessant geworden. Ich finde es auch sehr gut, dass es immer mehr Menschen gibt, die bewusst auf auf gesunde Herstellung achten
    LG Andrea

    • Liebe Andrea, das freut mich, wenn ich dich motivieren kann. Ja, es werden zum Glück immer mehr Menschen, die die Erde nicht nur ausbeuten und auf Wachstum achten, sondern sorgsam mit den Ressourcen umgehen, gerade bei der Herstellung von Nahrung ist das wichtig. Danke fprs Feedback und liebe Grüße

  4. Liebe Andrea,

    wieder ein so schöner Bericht von dir. Danke für´s teilhaben lassen!
    Den Tieren sieht man an – sie haben ein schönes Leben. Auch die Menschen strahlen eine Freude aus.

    Ich habe mich mal dafür interessiert was dort verkauft wird. Wäre ja mal ein ganz anderer Geschmack. Doch leider ist es mit der Bezahlung schlecht. Meine Karten nehmen sie nicht an.
    Man kann eben nicht alles im Leben haben. Schade!
    Außerdem ist es fraglich ob sie überhaupt nach Deutschland liefern. Das klappt sicher nicht mit der 8 Stunden Kühlung.

    Lieben Gruß zu dir,
    Lilo

    • Liebe Lilo, ja, leider müssen wir uns wohl hier in der Nähe solche Oasen suchen – macht auch etwas mehr Sinn… dennoch ist es einfach wunderbar, dass Menschen sowas verändern, freut mich, wenn es dir gefallen hat.
      Liebe Grüße

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