Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen: Rickeracke geht Mühle mit Geknacke

Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen

Sie angeln Witwe Boltes Hühner durch den Schornstein oder verstecken Maikäfer im Bett. Max und Moritz sind Symbol für echte Lauselümmel und eine unbeschwerte Kindheit. Schauplatz ihrer Streiche ist ein Dorf, das sich seit 170 Jahren kaum verändert hat. Dort dreht sich sogar noch das Rad der alten Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen.

Ein wenig mulmig wird`s einem schon, wenn man den ersten Schritt auf den berühmten Steg tun soll. Hält er oder bricht er gleich? Immerhin haben sie hier „ritscheratsche voller Tücke in die Brücke eine Lücke“ gesägt: Max und Moritz. Der hölzerne Steg ist gerade breit genug für zwei Personen und führt über den kleinen Dorfbach. Mut fassen lohnt sich, der Steg bleibt heil. Unten im glasklaren Wasser flitzen Forellen zwischen den Steinen umher. Und am Ufer breitet sich das idyllische Panorama des niedersächsischen Dorfes aus: weiß-schwarze Fachwerkhäuser, vor denen sich sauber Brennholz stapelt, alte Bauerngärten mit knorrigen Apfelbäumen – und im Hintergrund dreht sich ein mannshohes Mühlrad.

Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenSein Holz schimmert an manchen Stellen schon moosig grün, doch schaufelt das Rad beständig Wasser aus der Holzrinne. Diese Mühle ist weltbekannt – war sie doch Schauplatz der Max-und-Moritz-Geschichten. Sie existiert nicht nur im Buch, sondern tatsächlich nahe den dichten Wäldern der Nordausläufer des Harzes. In der Mühle ist der Dichter Wilhelm Busch aufgewachsen. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da schläft sich`s gut. Das Bett wackelte noch wie früher beim Getriebe der Räder und das herabstürzende Wasser rauschte durch meine Träume.“

Lautes Plätschern liegt über dem Ort und ein herrlich lautes Rumpumpeln tönt aus dem Gebäude. Drinnen ächzen die Balken im Rhythmus des Rades, das ganze Haus scheint zu vibrieren, das Tackern und Hämmern ist ohrenbetäubend. Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke – genau so, wie es Wilhelm Busch einst erlebt hat.

Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen, MausefallenAls Neunjähriger kam er nach Ebergötzen. Er war zu Hause aus Wiedensahl ausquartiert, sollte er doch als Ältester von sieben Kindern bei seinem Onkel, dem Pastor in Ebergötzen, eine besonders gute Schulbildung bekommen. Da im Hause des Onkels kein Bett mehr frei war, wurde er 1841 in der Mühle untergebracht. Gleich nach der Ankunft schloss Wilhelm, ein dünner Junge mit einem kecken Haarwirbel, Freundschaft mit dem pausbäckigen Sohn des Müllers – und zwar ganz so, wie es Lausbuben eben tun. Sie fischten mit Vorliebe die Forellen mit blanken Händen aus dem Bach, badeten oder spielten einfach nur mit Matsch: „Wir machten eine Mudde aus Erde und Wasser, die wir Peter und Paul nannten, legten uns in die Sonne bis wir inkrustiert waren wie Pasteten“, schreibt Busch später. Offenbar hat er genau dieses Erlebnis auch literarisch verarbeitet, denn auch Max und Moritz waren in Kruste gebacken – vom wütenden Bäcker, der den beiden den Garaus machen wollte. Doch wie Küken aus dem Ei schlüpften sie heraus und ließen eine leere Hülle zurück.

Die von Busch gezeichnete Szenerie gleicht verblüffend der alten Mühle. Große Maltersäcke hängen an den Wänden, zwei riesige Trichter stehen in der Mitte des Raumes, überall drehen sich Zahnräder und eine hölzerne Fratzenmaske speit Kleie. Historische Mäusefallen stehen auf dem Gebälk und eine mehlige Staubschicht hat sich über den groben Holzboden gelegt.

Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenNicht so in der guten Stube. Blitzeblank glänzt der alte Sekretär, darauf befinden sich eine antike Nickelbrille und ein Notizbuch. Und auf dem dunklen Tisch liegt eine große Meerschaumpfeife  auf dem Tisch als wäre deren Besitzer nur mal eben vor die Tür getreten. Während Busch als Erwachsener fast ständig eine Zigarre oder Pfeife im Mund hatte, stand ihm als Kind mit dem Rauchwerk etwas ganz anderes  im Sinn: Gemeinsam mit seinem Freund Erich steckte er dem Dorftrottel Kuhhaare in die Pfeife. Der Gelackmeierte wurde daraufhin ganz blass im Gesicht und wurde von heftigem Brechreiz geplagt. Vorlage für den vierten Streich von Max und Moritz: Im Buch stopfen beide Lehrer Lämpel Schwarzpulver in das Rauchinstrument und sorgen nicht nur für ein kleines Feuerwerk, sondern ein schwarzes Gesicht. Und als Buschs Onkel seinen Neffen dafür bestrafen muss, versteckt der ihm Maikäfer im Bett. Lausbubengeschichten wie diese erzählt die alte Wilhelm-Busch-Mühle bis heute. Oder wie es der Dichter formulierte: „In Ebergötzen verbrachte ich die schönsten Jahre meiner Kindheit.“

Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenDie Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen gehört zu den wichtigsten Kulissen eines der meistübersetzten Bücher der Welt. Kaum zu glauben, dass dieses alte Gebäude eigentlich abgerissen werden sollte. Doch in der Nachkriegszeit zogen die jungen Menschen lieber ins nahe Göttingen und so glich die einst stolze Mühle in den 1970er Jahren nur noch einer Ruine, das Mühlrad durchgerottet, Fenster vom Krieg zerborsten und teilweise stürzten schon die ersten Wände ein. Für die Politiker war damals klar: Abreißen und mit einem Denkmal ersetzen. Doch selbst als die ersten Mauern der Mühle zusammenbrachen, wehrten sich die Ebergötzer. Sie gründeten einen Förderverein, sammelten Geld – und vor allem Sympathie.

Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenMit den knappen Spendenmitteln kauften sie Baumaterial und mobilisierten ihren kleinen Ort: Monatelang schufteten die Männer an den Wochenenden ehrenamtlich, setzten Stützbalken, zogen neue Mauern, verputzten Wände und zimmerten Dachstühle. Während sie gemeinsam die Mühle wieder herstellten, zogen die Frauen durchs Dorf und befragten die Ältesten: Hat noch jemand alte Möbel aus der Zeit? Welche Farbe hatte die Tür? Welches Zimmer wurde wofür genutzt? Nach und nach konnten sie die Mühle wieder herstellen. Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenDas ganze Dorf hat mit angepackt. Sechs Jahre später konnten sie den ersten Raum für die Öffentlichkeit öffnen, einige Jahre später wurde die gesamte Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen privat getragenes Museum. Wenn sie heute im Dämmerlicht aus den Fenstern ihr einladend gelbes Licht verströmt und ihr Putz frisch und weiß strahlt, sieht ihr niemand das Alter an. Erst die niedrigen Decken innen und die klamme Kälte aufgrund fehlender Heizung machen deutlich, dass es sich um ein Original aus dem Jahr 1508 handelt.

Wilhelm-Busch-Mühle EbergötzenDoch die Wilhelm-Busch-Mühle Ebergötzen ist viel mehr als Museum und Mutter der Max-und-Moritz-Geschichten. Sie ist vor allem Sinnbild für eine lange und innige Freundschaft. Die Zeit mit Erich Bachmann hat Wilhelm Busch nie vergessen. 66 Jahre lang hielt diese Bindung – bis zum Tode Bachmanns. Jedes Jahr verbrachte Busch einige Wochen bei seinen Freund. Bachmann, der inzwischen selbst Müller war, musste nun selbst die Streiche der Dorfkinder mit einem Lächeln der Erinnerung ertragen.

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