Waldbaden: Eintauchen in die Welt der Bäume

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, HessenÜberall gibt es etwas zu gucken

Zur Wellness muss man nicht immer ins Wasser gehen, Sauna, Dampfbad, Massage und Co sind zwar schön, aber es geht viel nachhaltiger: Waldbaden ist ein Wellnesstrend, der ganz neu, aber eigentlich schon uralt ist. Ich habe es ausprobiert im Spessart, einem der größten Wälder Deutschlands.

Ein Thema haben wir ja alle – mindestens eines, das wir mit uns herumschleppen, oder? Irgendeine Frage gibt es doch immer an das Schicksal. Oder eine Entscheidung, von der wir vielleicht gar nicht ahnen, dass wir sie treffen wollen oder gar müssen.

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Gabriele Skrock

Das wurde mir klar, als mich Gabriele Skrock in die Therapieform des Waldbadens einweihte. Im Spessart, einem der dichtesten und größten deutschen Laubmischwälder, weihte sie mich ein in eine neue Technik, die eigentlich uralt ist: das Waldbaden. Eintauchen in das, was unsere Breiten so einzigartig macht – in unsere Laub- und Nadelwälder und das ganz unter therapeutischem Ansatz. Achtsamkeit ist das wichtigste Stichwort dabei. Achtsamkeit sich selbst gegenüber, aber auch der Umgebung. Das habe ich schon auf Juist erspürt, heute zeigt mir Gabriele Skrock im Flörsbachtal, wie das gehen kann. Sie ist Heilpraktikerin, Geographin und Umweltpädagogin.

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Die Wipfel

Unser erstes Treffen war wie eine Begegnung mit einer langjährigen Freundin, als ich sie das erste Mal traf. Sie wollte gerade nachschauen, wo ich bleibe und wäre dabei mit mir in der Tür ihres Cafés fast zusammengestoßen. Ihre blauen Augen blitzen tiefgründig, als sie mir das Waldbaden erklärt, das eben nichts zu tun hat mit der Rolle als besserer Trimm-Dich-Pfad. „Es wurde in Japan wiederbelebt“, setzt sie an. „Als dort vor einigen Jahren die Todeszahlen aufgrund von Stress und Arbeit so in die Höhe gingen, besann man sich plötzlich der uralten Technik, den Wald als Co-Therapeuten mit ins Boot zu holen. In Japan Shinrin Yoku genannt. Die Japaner haben auf dem Gebiet wirklich die Nase vorn.“

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Moosgrün ist eine wunderbare Farbe

Shinrin Yoku – Waldbaden auf deutsch – hat bereits nachgewiesene Heilwirkung: Es stärkt das Immunsystem, reduziert Stress und reguliert Puls und Blutdruck. Es gibt sogar Untersuchungen, nach denen die Waldluft auch die Anti-Krebs-Killerzellen aktiviert und den Blutzuckerspiegel senkt. Wie soll das gehen?

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Fichtenwald ist gut für die Therapie

Der Grund dafür liegt unter anderem in den Terpenen und Phytonziden, die die Bäume ausschütten. Über die Atmung gelangen sie in den Körper und sollen dort eben messbare Effekte zeigen. Zusätzlich arbeiten Geist und Psyche zusammen, die beim Anblick der Weite entspannen und ihre Kräfte aufbauen.

„Es reicht aber nicht, eine halbe Stunde in den Wald zu gehen, auch wenn es jeden Tag ist“, sagt Gabriele Skrock. „Ab 3 Stunden am Stück beginnt die Wirkung und das am besten einmal pro Woche.

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Blick auf das schöne Flörsbachtal

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Erst mal locker macken

Doch muss ich dabei irgendetwas beachten, was genau tue ich eigentlich, wenn ich waldbade? Zunächst einmal erden wir uns beide, bevor wir in das System aus Bäumen und Büschen eintreten. Füße etwas breiter als beckenbreit aufgestellt und sich vorstellen, Wurzeln zu schlagen. Schon allein diese Übung bringt meine Gedanken, die eben noch bei Mails, Arbeit und „ist zuhause alles in Ordnung“ waren, ins Jetzt. Ich spüre plötzlich ganz intensiv diesen wunderbaren Geruch des Spessarts hier im Flörsbachtal, so würzig und etwas nadelig, wie es eben typisch für deutsche Wälder ist. Ich sehe den Dunst der Nachmittagssonne auf den sanften Hügeln, höre das Rauschen des Windes in den Bäumen und fühle mich tatsächlich, als hätte ich gerade eine Verbindung gesetzt – die Verbindung in genau diesen Moment. „Jetzt bist du bereit fürs Waldbaden“, sagt Gabriele Skrock lächelnd und führt mich in den Wald.

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Gabriele Skrock

Bevor ich in den Wald trete, soll ich mir ein Thema überlegen, an dem ich arbeiten möchte – oder einfach nur darum bitten, dass sich mir eines zeigt. Dann fordert sie mich auf, die Augen zu schließen, mich zu drehen und das, worauf mein Blick als erstes fällt, zu studieren. Es ist eine Ansammlungvon  Brennnesseln, kein hübsch bemooster Baumstamm, kein dramatisch-schöner Pilz, einfach Brennnesseln. Also gut, dann wollen wir mal. Ich überlege also, wofür sie stehen können und was sie mir sagen – und schneller als gedacht schießen mir Bilder in den Kopf. Und zack, da ist auch schon das Thema gefunden, an dem ich offenbar zu arbeiten habe. Also ab in den Wald, so sagt auch Gabriele Skrock. Ganz langsam soll ich herumwandeln, meine Schritte bewusst und achtsam gehen und die Sinneseindrücke bewusst erleben. Diese Gerüche. Die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen, die aussehen, als seien sie aus flüssigem Gold. Diese Farnbüschel und immer wieder der Spessart typische Specht, der an den Bäumen herumklopft. Ich spüre, dass meine Gedanken aus dem typischen Karussell aussteigen, in dem sie im Alltag und vor allem am Schreibtisch gefangen sind.

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Anfreunden mit dem Baum

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und entspannen

Die Gelassenheit kehrt zurück, die Dinge so zu nehmen, wie sie sich darstellen, ohne Hektik, ohne etwas beeinflussen zu wollen, ohne zu kontrollieren oder Macht auszuüben – und ohne Angst. Es ist alles richtig, wie es ist und es wird auch alles gut – scheint mir der Wald zuzuflüstern. Ich setze mich an eine Stelle und schaue mich um. Dort zu verharren, ganz lange, und einfach nur sich umzugucken ist Teil der Therapie. Manche brechen in Tränen aus, andere bekommen Angst, sagt mir die Waldtherapeutin, die immer in meiner Rufnähe bleibt und mir Sicherheit gibt. Ich sehe Käfer krabbeln und eine Spinne ihr schönes Netz weben. Und da ist immer wieder das Licht und die Sonne, die ihren Weg durch das Unterholz finden. Der auf den ersten Blick so bekannte Wald entpuppt sich als Wimmelbild, auf dem es immer Neues zu entdecken gibt.

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Spinnennetz

Während die Augen beschäftigt sind, passiert beim Waldbaden im Geist ganz viel. Meine Gedanken werden langsamer, die Sinne offener. Der Geist entspannt und schon bald nehme ich nur noch wahr ohne zu werten oder das Gefühl zu haben, irgendetwas noch schnell erledigen zu müssen. Es ist wie ein Tag Urlaub und weckt eine tiefe Sehnsucht in mir, so etwas öfter zu tun.

 

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Das Baumzelt

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Eine geniale Erfindung

Möglichkeiten, das Waldbaden zu gestalten, gibt es viele: Sei es eine Nacht im Wald, auf dem Boden, im Baumzelt oder nur einige Stunden an einem Platz ganz für sich. Barfußlaufen über das Moos oder sich direkt in einen Baum setzen – die Ideen dafür sind so vielfältig wie die Bäume selbst. Wichtig ist aber, dass man das Naheliegende auch tut und nicht auf morgen verschiebt.

„Waldbaden hat enorme Effekte“, sagt meine Begleiterin. In den USA und in Japan sei Waldbaden längst ein anerkanntes Kurmittel geworden. Sie macht sich gemeinsam mit der Gesellschaft Mensch und Wald dafür stark, dass es auch bei uns eingesetzt wird. „Die Voraussetzungen in Deutschland sind großartig. Wir haben so wunderbare Wälder, wie etwa hier im Spessart. Warum sollten wir die nicht für uns arbeiten lassen?“ Gerade Mittelgebirge wie der Spessart, aber auch der Harz bieten dafür ideale Bedingungen. Die Erholung liegt wieder einmal so nahe… so mag ich Reisen mit Nachhaltigkeit.

Waldbaden im Spessart, Flöhrsbachtal, Waldtherapie, Hessen

Der guckt mich doch an, oder?

Information zum Waldbaden:

Das Waldbaden bietet Gabriele Skrock im Spessart an. Mehr Informationen dazu sowie zu dem Thema Wald und Einfluss auf die Gesundheit gibt es auf der Internetseite der Gesellschaft Mensch und Wald, www.menschundwald.de

Waldbaden scheint aber insgesamt ein allgemeiner Trend zu sein, es kann auch an anderen Orten gemacht werden, etwa in Südtirol.

Mehr Informationen über den Spessart gibt es unter www.spessart-tourismus.de.

Die Recherche wurde unterstützt von Spessart-Tourismus – danke dafür.

 

 

 

 

 

 

9 Kommentare

  1. Das Thema Waldbaden hast du wunderbar beschrieben. Gemeinsam mit den stimmungsvollen Bildern spornt es mich regelrecht an, in diesem Bereich auch aktiv zu werden. Ich besitze selber auch einen Wald, der für meine Feriengäste sicher auch interessant wäre.

  2. Liebe Andrea,

    durch Deinen wunderbaren Bericht über das Waldbaden ist mir klar geworden – ich habe instinktiv alles richtig gemacht. Denn immer wenn es mir nicht gut geht, gehe ich in den Wald. Überhaupt habe ich einen ganz besonderen Bezug zum Wald. Zur Not reicht mir auch ein Baum.
    Oft bin ich im Harz, aber auf die Schnelle auch einfach nur im Elm, bei mir um die Ecke. .

    Lieben Gruß LIlo

    • Liebe Lilo, ich glaube, falschmachen kann man da gar nicht viel. Und ein Bezug zum Wald ist wunderbar, den sollten wir alle irgendwie haben finde ich. Harz ist ja sowieso super!
      Liebe Grüße

  3. Andrea Wagner

    Du beschreibst das Waldbaden so toll und die Bilder dazu wecken in mir die Sehnsucht den Wald in meiner Nähe zu besuchen. Im Garten habe ich einen Apfelbaum unter dem ich gerne sitze und einfach träume. Vielleicht ist das auch schon Therapie😊
    Liebe Grüße
    Andrea

  4. Es gibt für mich nichts Schöneres als Wald und Bäume. Ich werde davon magisch angezogen. Ein absoluter Wohlfühlort, an dem sich viele Sorgen und Probleme relativieren und sich die fehlende innere Ruhe einstellt – Waldbaden eben. Seitdem ich Deinen Bericht gelesen habe, lässt mich der Gedanke ans Waldbaden und eine Übernachtung in den tollen Baumzelten nicht mehr los. So vieles erinnert mich an meine Kanutour durch die kanadische Wildnis vor ein paar Jahren, an Zeltübernachtungen mit nächtlichem Wolfsgeheul in einsamen, menschenleeren Wäldern. Unvergesslich… Vielleicht mache ich mich eines Tages auf in den Spessart… Für Träume ist man nie zu alt…
    Liebe Grüße
    Inge

    • Ja, diese Zelte, davon träume ich auch seitdem. Jetzt muss nur noch der Sommer kommen…waldbaden kann man bis dahin aber auch ohne Zelt, ich zumindest werde das mal wieder tun. Ganz liebe Grüße

  5. Pingback: Jetzt! Hier und am besten heute: Mikroabenteuer für alle

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