Santa di u Niolu: Korsika ganz im Marienrausch

Korsika, Casamacioli

Maria ist ein Star. Zumindest auf Korsika. Die Muttergottes zieht Tausende von Menschen in ein verlassenes Dorf in den einsamen Bergen. Jedes Jahr im September feiern die Korsen Santa di u Niolu – das vielleicht innigste Marienfest des Landes, auf jeden Fall das größte der Insel.

Casamaccioli, Korsika, Santa di u Niolu, MarienfestDieser Gesang geht durch und durch. Mir jedenfalls fährt er voll unter die Haut. Und wenn ich mich auf dem großen Platz vor der Kirche von Casamaccioli so umsehe, sind auch viele meiner Umstehenden fasziniert von dieser Stimme. Kein Rock, kein Pop, es ist „Kyrie eleison“, das mich derart in den Bann zieht. Ich schaue auf die Gänsehaut auf meinem Arm und schüttele innerlich den Kopf, dass ausgerechnet Kirchenmusik diese Wirkung auf mich hat. Mein Wundern dauert nur kurz. Viel zu mitreißend ist die fromme Anrufung der neun Männer, wenn sie ihr „Herr erbarme dich“ an Santa di u Niolu singen. Es ist der Auftakt zum großen Gottesdienst, in dem gleich auch der Bischof von Ajaccio, Olivier de Germay, predigen wird. Er steht schon vor der Bühne, ganz in festlicher blauer Robe gekleidet und von einem Messdiener auf Schritt und Tritt mit einem quietschgelben Sonnenschirm beschattet.

Prächtiges Santa di u Niolu

Es war im letzten Jahr, als wir in Korsika recherchiert haben – und uns wie hunderte anderer Menschen auch an diesem Tag über schmale Bergstraßen auf dieses 1000 Meter über dem Meeresspiegel liegende Plateau aufgemacht haben. Die Straßen sind eng und kurvig, und an den Seiten gibt es tiefe Schlaglöcher. Während ich noch so über die gefährlichen Straßen nachdenke, macht es schon Peng. Ein Schlagloch hat unseren Reifen erlegt und uns zur Zwangspause verpflichtet. Zum Glück ist ein Kollege an Bord, der das Malheur beseitigt, allein wären wir drei Frauen aufgeschmissen gewesen.

Oben hat die Verkehrspolizei das kleine Dörfchen abgeriegelt. Hinter Natursteinmauern wachsen leckere Pfirsische und Nektarinen – doch an diesem Tag hat niemand dafür Augen, denn alle strömen zur Maria. Sie hat heute Geburtstag, deswegen wird heute Santa di u Niolu gefeiert. Die Korsen lieben ihre Schutzheilige, die sogar in ihrer Inselhymne die Hauptrolle spielt. Maria die Jungfräuliche.

War nicht Josef der große Held?

Doch war sie überhaupt jungfräulich? War sie eigentlich eine Heldin? Oder hatte nicht Josef eigentlich die größere Bürde zu tragen, weil er zu seiner Frau stand, obwohl sie nicht von ihm schwanger war? Der Bischof von Ajaccio wirft in seiner Predigt ganz neue Fragen auf. Ich  wundere mich über den so offenen Umgang mit derartigen Themen in dem katholischen Land. Und er leitet gleich über zur Flüchtlingspolitik, denn Maria und Josef waren ja auch Flüchtlinge.

Die Menschen auf dem Platz hören ihm aufmerksam zu, drängen sich auf Mauern, sitzen auf Holzstühlen oder auf dem Boden. Anschließend verteilt er das Abendmahl, ruhig warten die vielen Gläubigen, bis ihnen die Hostie in die Hand gelegt wird.

Dann sammeln sich die Kirchendiener und schultern die schwere Marienfigur. Die Kirchenglocken schlagen in ihrem ganz eigenen Takt und die Prozession beginnt. Und damit auch die Feier. Denn der kirchliche Anlass ist zwar der Mariengeburtstag Santa di u Niolu . Aber treffenderweise fällt er auch gleich in die Zeit des Almabtriebs und des Erntedanks. Und das bedeutet auf Korsika üppiger Genuss.

Kastanienhonig und Nougat

Das ruhige Zentrum des 400-Einwohner-Dorfes verwandelt sich in einen trubeligen Markplatz. An einem Gewürzstand duftet es nach Koriander, Zimt, Süßholz und Knoblauch, gegenüber locken gugelhupfgroße Nougatstücke, tiefbrauner Kastanienhonig, luftgetrocknete korsische Salami oder große Laibe Käse. Es scheint, als hätten sich alle Delikatessenhändler der Insel hier vereint, ebenso wie die Kunsthandwerkerinnen der Insel. Es wird gesponnen und gestrickt und an einem Stand gibt es sogar bunte Lederwaren aus Fischhaut. Ein wunderbarer Ort, um korsische Spezialitäten kennenzulernen, und das eben made in Korsika anstatt in China.

Ich bin ja evangelisch erzogen worden und die katholische Kirche ist mir immer fremd geblieben. Aber um eines habe ich die Katholiken schon als Kind beneidet: Feiern können sie, und zwar mit allen Sinnen, fröhlich und rauschend. So jedenfalls geht dieser Mariengeburtstag Santa di u Niolu dann auch zu Ende. Karussells drehen die Kinder zu lauter Popmusik, am Rande des Marktes wiehern Pferde und Esel und warten auf neue Besitzer und auf dem Zentrum des Platzes wird gegessen, gesungen und gefeiert.

Santa di u Niolu ist auf jeden Fall empfehlenswert, wenn man auf Korsika ist. In diesem Jahr fällt das Fest auf den 9. September.

Die Reise wurde unterstützt vom Französischen Fremdenverkehrsamt. Außerdem von Air Corsica und Corsica Ferries. Vielen Dank dafür!

Und ich war gemeinsam mit Fee auf dieser Reise, wie sie die Marienfeier erlebt hat, lest Ihr hier.

4 Kommentare

  1. Oh, wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wären es noch mehr Beiträge wie dieser hier in der Rubrik „Mystik“. Ich mag sowas ja. 😉 Mythen … Mystik … ja ja ja!!!
    Bin da übrigens ganz bei Dir. Finde es auch interessant und lobenswert an der katholischen Kirche, dass die u.a. solche Marienfeste haben. Die ist bei den Evangelen leider etwas ins Hintertreffen geraten.

    • Danke für die Motivation. Mystik wird ein Selbstläufer werden – das ist ja mein Herzensthema. Nur am Anfang des neuen Blogs muss ich soooo viele Dinge beachten, da denke ich erstmal praktisch.

  2. Ein wundervolles stimmungsvolles Portrait des Festes – das werde ich mir als Norddeutsche & Protestantin auch mal ansehen :-). Korsika wurde dank Monika Fritsch zu meiner neuen Lieblingsinsel. Hast Du auch das grandiose Canyoning mitgemacht?

    • Liebe Hilke, jaaaaaa, das habe ich. Und noch immer nicht drüber gebloggt. Das muss ich dringend mal ändern, danke für den Tipp! Korsika ist toll, nächstes Mal komme ich wieder mit. Viele Grüße
      Andrea

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