Irland: Heilige Pflanzen der Kelten

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Und es gibt sie doch – die Kräuterhexen und Hüter von besonderen Plätzen. Wenn sie dann noch irisch sind, wohnt ihnen ein spezieller Zauber inne. So ging es mir in Wicklow bei Mary White und ihrem Mann Robert. Für mich ein ganz besonderes magischer Ort in Irland.

Kennt Ihr das, wenn man glaubt, das Gegenüber könne allen Stress, Unsicherheit und Hektik erkennen. So klar, dass es fast ein wenig peinlich ist? So ging es mir, als ich in Irland Mary White besuchte. Sie hat diesen Blick, als sie ihre tiefblauen Augen auf mich richtet. Total gestresst kam ich bei ihr an, hatte einen kleinen Autounfall auf dem Weg zu ihr und das Gefühl als würde sie gleich sagen: „Deine Aura ist aber irgendwie verrutscht.“ Ob sie es gesehen hat oder nicht, bleibt ihr Geheimnis, erstmal kochte sie mir einen Tee – selbstverständlich aus Kräutern in ihrem Garten.

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Garten mit Ruderboot

Ob es der Garten ist oder die Melisse im Tee waren, kann ich jetzt nicht mehr sagen, auf jeden Fall setzt plötzliche Entspannung bei mir ein und ich nehme diesen wunderbaren Ort erst jetzt richtig wahr: Ein verwunschenes Steinhaus, das in Frankreich vielleicht sogar als kleines Chatêau durchgehen würde mit einem ebenbürtigen, parkähnlichen Garten dazu. Sogar ein See mit Ruderboot gehört zu ihrem Anwesen in Killedmond in der Grafschaft Carlow.

Auf den Spuren der Kelten

Ein richtiger Platz zum Träumen und mit der Natur leben. Und genau das wollte die Politikerin auch, die sich in ihrem Beruf immer für die Umwelt start gemacht hat. Sie wollte mit ihrem Mann Robert einen Platz schaffen um auf den Spuren des alten keltischen Wissens um Bäume, Heilkräuter und Co zu wandeln und zu forschen. Unter dem Namen „Blackstairs“ bieten sie nicht nur Rundgänge in die Welt der heiligen keltischen Bäume an, sondern auch Wildkräuter- und Pilzspaziergänge. Zu jedem Kraut haben sie eine Geschichte parat – und irgendwie scheint es, als könne man alles verwerten, was ihn ihren Garten wächst. Nach dem Tee geht es zum kleinen Rundgang durch das Gelände.

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Spitzwegerich

Mary White kommt nicht weit. Sie hält schon mitten im Gras an und beugt sich zum Spitzwegerich herunter. Dass man aus den Blättern einen Hustensaft machen kann, weiß ich schon, sie aber weiß natürlich wieder mehr und pflückt eine Blüte: „Probier mal und sage mir, wonach es schmeckt“, fordert sie mich auf. Langsam lasse ich diese Ähre in meinem Mund zergehen und überlege. Irgenworan erinnert es mich. Brot? Hefe? „Champignon“, hilft mir Robert auf die Sprünge. „Spitzwegerichblüten schmecken im Salat prima und haben eine Pilznote.“ Er hat Recht. Das war es, auf das ich nicht gekommen bin. Während ich noch darauf herumkaue, reibt Mary White schon Margarittenblätter in ihrer Hand: „Man kann sie als Gewürz nehmen, sie sind essbar und schmecken wie Oregano. Und die Knospen schmecken leicht süßlich und machen sich gut in Pickles.“

Eine Wiese zum satt Essen

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Wurzel vom Storchenschnabel?

Als nächstes pflückt Robert eine Pflanze, deren großer Bruder bei uns etwas in Verruf gekommen ist: Bärenklau. Doch der Wiesenbärenklau ist eine uralte Heilpflanze und nicht zu vergleichen oder gar zu verwechseln mit dem Riesen-Bärenklau. „Die Blüte esse ich wie Brokkoli, die grünen Samen schmecken wie Kardamom“, weiß Mary White und erzählt, dass sie aus den Samen gerne Kekse fertigt. Sie erzählt mir im Vorbeigehen, dass es 100 Sorten Löwenzahn gibt und dass sie Kiefernnadeln in Öl einlegt und als Spezialität verzehrt. Aus den Samen der Eschen macht sie Pickles und Nelkenwurz benutzt sie als Gewürz in der Kürche. Sie pflückt ein Blatt Weißdorn und sagt: „Weißdorn ist der Feenbaum. Er wird bei uns sehr verehrt. Blätter, Blüten und Früchte sind gut für das Herz.“

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Farn vor dem Entrollen

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Storchenschnabel

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Robert mit einem Blatt, das ich nicht kenne

Die Wedel des Straussenfarns brät sie im Frühjahr in Butter und freut sich, dass sie ein wenig nach Spargel schmecken. Giersch nutzt sie natürlich auch, als Spinat oder als Limonade und die Blütenblätter des Borrest friert sie in Eiswürfeln ein und freut sich über hübsche Dekoration der Getränke. Den Bärlauch erntet sie fast den ganzen Winter über und dann kommen wir zum Pestwurz, dessen Blätter sich nicht nur hervorragend als Toiltettenpapier eignen sollen, sondern vor allem als Transportbehälter für die Butter gedient haben, als es noch kein Butterpapier oder Plastik gab. „Die Holunderblüten ernte ich immer mittags, da ist ihr Zuckergehalt am höchsten. Dann mache ich herrliche Puffer daraus oder trockne sie für den Tee.“ Mary White ist ein Phänomen voller Tipps.

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Als Schirm gehts auch – Mary mit Klettenblatt

Ihr Mann nicht weniger. Er hat diese irische Spitzbübigkeit inne, die ich so mag, man weiß nicht, ob nicht im nächsten Moment ein knufiiger Scherz kommt. Doch gerade geht er voll in der Welt der Bäume auf. Auf dem 16 Quadratmeter großen Landstück, das ihnen gehört, haben die beiden tausende an Eichen und anderer Bäumen gepflanzt und so eine ganz private Aufforstungsaktion betrieben. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, die Erde wieder ein Stück lebenswerter zu machen“, sagt Mary White und zeigt mir die Jungeichen-Sammlung, eine riesige Wiese voll mit kleinen Bäumen. „Irgendwann wird dieses ein Wald, davon brauchen wir dringend mehr in Irland.“ Das Land, das vor 2000 Jahren eines der waldreichsten Europas war, ist heute eines der waldärmsten. Das ist mir gar nicht so aufgefallen, als ich im Frühjahr dort über die Lande gezogen bin, aber es stimmt. Wälder habe ich keine gesehen, nur Hecken und Felder.

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Kranz binden

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Sie hat mir einen Blumenkranz gebunden

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Klettenkraut eignet sich wunderbar für Kränze

Heilige Pflanzen der Kelten

„Vor 2000 Jahren hatten die Bäume eine ganz andere Bedeutung für die Menschen“, führt Robert White aus, der von der Mystifizierung von Pflanzen nicht viel hält. „Sie waren einfach für die Menschen lebenslotwenif. Aus der Eibe haben sie Pfeil und Bogen gemacht, der Hasel mit seinen biegsamen Ästen war für sie wichtig ebenso wie seine Nüsse wertvolle Nahrung für den Winter waren“, erklärt er und führt mich zu einem Rundgang durch die Baumwelt seines Gartens. Da wachsen sie, die 21 heiligen Pflanzen der Kelten. Zu ihnen gehören Birke, Eberesche, Erle, Weide, Esche, Weißdorn, Eiche, Tinne, Hasel, Holzapfel, Kiefer, Weinrebe, Efeu, Schilf, Schwarzdorn, Holunder, Tanne, Stechginster, Heide, Espe und Eibe. Bäume, die die Kelten nicht nur genutzt haben, sondern auch verewigt, in dem keltischen Alphabet, dem Ogham. Das sind spezielle Schriftzeichen aus dem alten Irland, die heute gerne auch wie Runen benutzt werden.

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Mary erklärt die urkeltischen Schriftzeichen, die sich auf die Bäume bezogen haben.

Mary White allerdings sieht das eher pragmatischer: „Es ist eine Schriftsprache, die sich an die Zeichen für die Bäume anlehnt, ganz alte und einfache Zeichen.“ Selbstverständlich kann sie die 20-Buchstaben alle lesen und zuordnen, während sie für mich alle gleich aussehen. Doch auch von der weltlichen Sicht aus, lohnt es sich, die Bäume näher anzuschauen, vor allem, wenn Menschen wie Robert so spannende Geschichten dazu parat haben.

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Robert am Hasel

Druidenstäbe und Bootsholz

Bei der Eibe sagt er, dass daraus auch Harry Potters Zauberstab gemacht worden sei, Druidenstäbe sowieso. Die Esche sei nicht nur als Weltenbaum verehrt worden, sondern auch ihr Holz wichtig für Boote und Häuser. Faszinierend ist auch, was er zur Eiche sagt: „Eine Eiche braucht 300 Jahre zum Wachsen, 300 Jahre zum Leben und 300 Jahre zum Sterben“, meint Robert und streicht nachdenklich über die Blätter in seinem Garten. „Wir haben die Verbindung mit der Natur verloren. Es ist höchste Zeit, dass wir sie wieder erlangen.“

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Eberesche

Dafür, dass wir das tun, haben sich Mary und Robert eine Menge einfallen lassen. Nicht nur die Spaziergänge zu den Bäumen, sondern auch Kochkurse und Waldpädagogik, um schon die Kleinen für die Natur zu begeistern. Dass es schmeckt, das beweist Mary White spätestens mit ihrem Tee, den sie mal eben vom Weg gezupft hat und dazu eine kräftige Zwiebel-Kräutersuppe serviert. Gar nicht nach Wiese oder krautig-merkwürdig, sondern würzig und sehr fein abgestimmt. Mary White lächelt. „Genau das möchte ich den Menschen hier zeigen.“ Und dann zeigt sie mir noch ihre neue Anschaffung: Zirkuswagen als Übernachtungsmöglichkeit für Gäste die länger bleiben möchten. Da möchte ich am liebsten auch gleich einziehen für ein paar Tage und es mir gemütlich machen. Aber vielleicht komme ich ja wieder.

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Zirkuswagen zum Übernachten

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Richtig gemütlich

Die Reise wurde unterstützt von Irland-Tourismus, dem irischen Tourismusbüro in Deutschland – danke dafür.

Übrigens mag ich Kräuter und Kräuterwanderungen sehr, hier gibt es noch eine Wanderung im Harz.

10 Kommentare

  1. Gerade erwischt du mich immer auf dem falsche Fuss ! Weder mit Spinat kenne ich mich aus noch mit Kräutern ! Sehr cool das Foto mit dem Ruderboot und natürlich der Zirkuswagen mit dem wirklich gemütlichen Bett !

    • Lieber Manni, ich muss grinsen 🙂 schon dein Spinat-Kommentar hat mich wirklich freudig lachen lassen. Ist doch super, dann kannst du ja bei mir richtig Exotisches entdecken und das muss nicht immer weit weg sein. Danke für das Lob, das freut mich immer sehr. Deine Fotos aber müssen sich ja auch nicht verstecken. Liebe Grüße

  2. Das ist ein ganz tolles Paar und am liebsten würde ich jetzt ein paar Tage im Zirkuswagen verbringen und noch mehr Geschichten von Bäumen und Pflanzen hören. Ein schöner Bericht, danke Andrea

    • Liebe Andrea, ja, das sind sie, ein ganz tolles Paar an einem zauberhaften Platz. Ich konnte auch gar nicht aufhören, den Geschichten zu lauschen. Liebe Grüße

  3. das ist so unglaublich toll. ich bewundere menschen sehr, die soviel über die natur wissen. für mich ist sie ein mysterium – wenn auch ein wunderschönes. was man alles machen kann mit pflanzen und kräutern – und wieviel wissen im mittelalter da wohl verloren gegangen ist.
    der zirkuswagen ist übrigens traumhaft. und wo du es sagst – ich kann mich eigentlich auch überhaupt nicht erinnern, in irland wald gesehen zu haben.

    • Danke, liebe Paleica. Die beiden sind wirklich zauberhaft und der Platz ist ein ganz besonderer. Eigentlich müsste es mehr dieser Menschen geben, die solche schönen Dinge tun, damit unsere Welt insgesamt etwas schöner wird. Und ja der Zirkuswagen, der hat es mir auch angetan. Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen bei mir

  4. Was für ein wunderbarer Ort! Wenn ich lese, welche Kenntnisse andere über Pflanzen haben, bin ich immer ganz beschämt. Ich wünschte, ich hätte diesbezüglich zumindest noch das Wissen meiner Großeltern. Wie hast du eigentlich von diesem Ort erfahren? Ganz toll! Sonnige Grüße, Jutta

    • Liebe Jutta, danke dir. Eben wegen dieser Pflanzenkenntnisse mache ich ja oft solche Rundgänge und Führungen, um mein eigenes Wissen zu erweitern, das istw irklich supertoll. Erfahren habe ich davon über das irische Fremdenverkehrsamt, die wissen ja um mein Faible für Mystisches und Kräuter 🙂 Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen!

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