Hannöversches Wörterbuch: Ausdrücke, die es nur hier gibt

Hannover, Kröpcke, Hannöversch, Kröpcke-UhrDie Kröpcke-Uhr.

Dass die Hannoveraner das reinste Hochdeutsch sprechen, habe ich schon immer für ein Gerücht gehalten. Aber wusstet Ihr, dass es auf Hannöversch auch ganz eigene Ausdrücke gibt? Oder kennt wer krökeln, mölmen oder fiegelinsch?

Ich komme aus dem Norden, wo man als Krabben pult, Trekker fährt, über krüsche Kinder meckert und gern auch mal wen betüddelt. Wörter, die vielen im Rest der Nation möglicherweise fremd sind. Hier in und um Hannover sollen die Menschen ja das reinste Hochdeutsch sprechen. So ein Quatsch. Ich schüttele noch immer über Wörter wie Döllmer oder Bollchen den Kopf und habe mal eine Liste zusammengestellt. Hannöversch für Anfänger sozusagen oder ein Wörterbuch Hannöversch, denn der hiesige Slang will gelernt sein.

„Komm, wir gehn krökeln!“

Ich gebe es zu – ich habe zunächst gedacht, krökeln sei etwas Unanständiges. Ist es nicht. Krökeln ist hier ein weit verbreiteter Begriff für Tischfußball spielen. Wenn man sich einmal dran gewöhnt hat, will man sowas Langes nicht mehr sagen. Krökeln finde ich richtig gut.

„Krieg ich nen Bollo?“

Bollo klingt schon so dick und rund. Es ist die hannöversche Variante des nordischen „Bonsche“, der wohl am verständlichsten mit Bonbon übersetzt werden kann. Und da Süßes und Alkohol gern verniedlicht werden, heißt spricht man hier auch gern von Bollchen.

„Wonach jibbert der’n?“

Is der Bollo aufgelutscht, jibbert man schon nach dem nächsten. Der Begriff jibbern erinnert mich immer an einen sabbernden Hund und tatsächlich bedeutet er günstigstenfalls nach etwas streben. Ich würde es ja mit gierig sein übersetzen.

„Willste dich anbucken?“

Anbucken ist hier der Ausdruck für kuscheln, schmusen. Wenn sich also jemand anbuckt, dann sucht er Nähe. Ich finde es irgendwie passend.

Hannover, Hauptbahnhof, Ernst-August-Platz

Hier trifft man sich „unterm Schwanz“.

„Das is mir zu fiegelintsch!“

Einer meiner Lieblingsbegriffe hier – fiegelinsch. Keine Ahnung, wie man das schreibt, das ist mir eben zu fiegelinsch – zu kompliziert, zu schwierig, zu aufwendig. Man kann damit auch herrlich vor sich hinschimpfen: „Man, ist das fiegelinsch!“

„Mach kaane Dööntjes“

Wem es noch nicht aufgefallen ist: Der Hannoveraner kann das -ei nicht aussprechen, ohne dass es sich zum langen aa wandelt. Doch das Wort, um das es hier eigentlich geht, hat kein ei: Dööntjes sagt man hier zu Späßchen, Schabernack.

„Man, der mölmt aber!“

Wenn etwas so richtig staubt, dampft und dann noch Dreckpartikel dabei durch die Gegend spritzen, dann ist das „Mölm“. Das hat der Hannoveraner erfunden für dicke Luft, etwa, wenn sie aus dem Auspuff eines alten Autos kommt, schwarz, dick und stinkend – Mölm eben.

„Was für’n Döllmer“

Nein, eine Nettigkeit ist es nicht, wenn man auf Hannöversch als Döllmer bezeichnet wird: Ein Döllmer ist ein Tollpatsch, ein verträumter Kerl, möglicherweise auch ein Idiot, aber irgendwie auch niedlich, also ein Fiesling ist er nicht. Mehr so die Kategorie niedlicher Trottel.

Hannover Tipp, Herrenhäuser Gärten, Hannöversch, Tempel, Sichtachse

„Mensch ist das gökelig“

Wenn man für etwas eine gute Motorik braucht oder ganz viel Feinarbeit verlangt ist, dann ist das „gökelig“. Man kann auch rumgökeln, also sich mit vielen Kleinigkeiten aufhalten.

„Kokolores“

Das ist wohl kein typisch Hannöversches Wort, aber wird hier viel verwendelt. Ich mag es, weil es so schön lautmalerisch ist.

Und dann gibt es ja noch die Sprichwörter. Wer glaubt, Süddeutschland ist ein klar definiertes Gebiet, täuscht sich gewaltig. Für den Hannoveraner fängt es schon hinter dem Harz an. Und den wohl merkwürdigsten Spruch will ich euch auch nicht vorenthalten: Hier triftt man sich „unterm Schwanz“. Damit ist die Reiterstatue von Ernst August am Bahnhof gemeint. Hier lohnt sich übrigens mal der Blick auf die Inschrift: „Dem Landesvater sein treues Volk“ – bei der Grammatik graust es mir auch jedes Mal. Doch das ist eine andere Geschichte.

Das raanste Deutsch sprechen sie hier? Ich muss immer schmunzeln, dazu lieben sie viel zu sehr den A-Laut und bauen ihn dort ein, wo sie können. So wird aus Rainer geht in seinen Garten gerne mal ein Raana geht in saanen Gaachten. Aber die Aussprache ist ja noch mal ein anderes Kapitel. Bevor das hier zu fiegelinsch wird, geh ich lieber ne Runde krökeln.

In lockerer Folge werde ich Euch immer wieder Hannover-Tipps aufschreiben. Hier findet Ihr schon meinen Spaziergang durch die winterlichen Herrenhäuser Gärten und hier meine Lieblingsboulderhalle. Und wer sich einmal die Werkstatt einer Geigenbauerin ansehen will, surft hierher. Hier findet Ihr meinen Lieblingswochenmarkt in Linden. Und hier meinen Besuch bei der Indigo-Färberin.

 

20 Kommentare

  1. Jetzt verstehe ich meine eigene Sprache ja noch besser. Eine tolle Idee das Wörterbuch. Ich bin gespannt was noch so kommt, an mir unbekannten Wörtern.

  2. das erinnert mich an tucholsky der in hannover in einen fischladen geht und fragt:
    haben sie aale?
    antwort: naan, ich hab getz zaat
    Frage: also ich will wissen ob sie aale haben
    antwort: na ich sach ihnen doch, ich hab getz zaat
    frage: verstehen sie nicht, ich meine aale, fische.
    antwort. ach so, sie meinen ööle, warum sachense das nicht gleich

    im übrigen ist hochdeutsch auf eine norddeutsche stadt bezogen sprachhistorisch ohnehin nicht plausibel denn hochdeutsch ist ein abkömmling oberdeutscher kanzleisprachen. in der hannoverschen akzentuierungi sind aber immer noch altsächsische überbleibsel enthalten. altsächsisch ist aber niederdeutsch und hat mit dem heutigen sächsisch, das eine oberdeutsche sprache ist nichts ztu tun.

    die heutigen spezialwörter der hannoverschen umgangssprache sind übrigens typisch für metropolregionen und daher metro- und keine dialekte. sie sind ständigem wandel unterworfen und zeigen, wie lebendig sprache auch heute noch ist…

    • Lieber Peter, na, das ist mal ein fundierter Kommentar. Ja, mit dem Wort Dialekt tat ich mich auch schwer, aber ich wusste tatsächlich kein anderes. Der Tucholsky ist erheiternd. Das mit den Metropolregionen finde ich sehr interessant. Danke für den Denkanstoß! Und liebe Grüße

  3. Jibbern, figelintsch und Dööntjes kennt ich auch aus Hamburg. Aber vielleicht haben das einfach Leute aus dem Süden in die Stadt gebracht (für uns beginnt der Süden ja an der Elbe). Abgesehen davon und allem Fachwissen: Für mich KLINGEN die Hannoveraner aber wirklich nach dem reinsten Hochdeutsch – da kann höchstens noch Braunschweig mithalten. Schöner Beitrag. Danke. Liebe Grüße, Stefanie

    • Danke, liebe Stefanie! Das freut mich. Ich kannte diese Ausdrücke nicht aus Hamburg und bin ja dort aufgewachsen. Aber wer weiß, die Wege der Sprache sind ja lang.
      Liebe Grüße

  4. Jörg Wagener

    „Dem Landesvater sein treues Volk“ – eine grammatikalische Höchstleistung aus vergangenen Tagen: „dem“ steht „für den“, und das gibt dann doch Sinn, allerdings sollte dann vielleicht ein Komma oder Bindestrich folgen, um nicht zu vermuten, das hier „des Landesvaters Volk“ gemeint ist.

    • Lieber Jörg, ja, das stimmt natürlich. Damals hat man einfach anders formuliert. Als Höchsleistung hätte ich es jetzt nicht sehen können, aber danke für den Augenöffner. Dennoch ist es unter heutigen Gesichtspunkten eher lustig. Viele Grüße

  5. In der Liste fehlt ganz klar noch der Stokel! Auch immer schwer zu erklären 😀

  6. Pingback: 16 Tipps für Hannover

  7. Martina Münnecke

    Stokel/stokelich ist ungeschickt, also so ist immer meine Interpretation gewesen. So ein Stokel… stokelt da rum@ 🙂

  8. Matthias Göke

    Ich kenne die Tätigkeit des „Stokelns“ als einen Begriff, den meine Oma verwendet hat. Gemeint war dann aber eher so was wie „Herumstochern“. So wurde bei Kohleöfen „in der Asche gestokelt“, um beispielsweise Dinge zu finden, die sich darin verborgen hielten.
    So könnte man es auch als „im Trüben fischen“ übersetzen, also als eine Tätigkeit, die zwar ein Ziel kennt, aber nicht gerade strategisch ausgereift ist.

    Ich nehme auch an, dass mit „Stockel“ eine Art Stock oder Haken aus Metall gemeint ist.

  9. Hey Andrea,
    sehr witzig und interessant.
    Wenn ich durch die Republik fahre, fühle ich mich darin bestätigt, dass wir das sauberste Hochdeutsch sprechen. Aber diverse Mundarten haben auch ihren Charme. Lustig, ich habe mir die umgangssprachlichen Begriffe mal angeschaut. Ich bin gebürtige Hannoveranerin und habe doch gleich meine Männer-WG nach den Worten befragt. Wir alle kennen gökelig, Dööntjes und Fiegelintsch nicht. Never heard before.

    • Liebe Tamara, schön, dich hier zu lesen. Männer-WG klingt spannend. Ich glaube ja, dass gökelig und Co. „Alt-Hannöversch“ sind, ich habe es hier schon oft gehört. Hast du denn noch andere Worte, die ich vergessen habe? Viele Grüße
      Andrea
      PS: Du hast übrigens den 800. Kommentar auf meinem Blog geschrieben. Da freu ich mich grad sehr

  10. hach, wie erfrischend.

    Menschen in Hannover Allgemein im Norden sind Weltmeister der kurzen Aussagen, da wird im allgemeinen nur das Notwendige gesagt. so erklärt sich auch die Innenschrift am Denkmal.
    Obwohl wir stundenlang klönen & schnaggen können, plaudern wir in den Informationen nur das wichtigste.

    Aber ich suche die richtige Schreibweise von dem Begriff „machmal zojche? sojche? suidje? “
    für die Mundart hier, für „mach mal langsam“. kenne den nur vom hören sagen, habe den nie geschrieben gesehen, aber ich mag den Klang des Wortes.

    • Liebe MIra, oh, wie schön, dich hier zu lesen. Ich würde einfach mal sagen, dass es sutje ist – langsam meinst du, oder? Das ist typisch nordisch. Das mit den kurzen Aussagen war mir gar nicht so bewusst, aber du hast völlig Recht, die verkürzen hier alles drastisch. Danke fürs Vorbeischauen und viele Grüße
      Andrea

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