Abenteuer? Jetzt! Hier! Und am besten heute noch

Mikroabenteuer

Abenteuer müssen nicht weit weg sein – das meine nicht nur ich schon länger. In Hamburg hat mich jetzt ein ganz besonderer Vortrag daran erinnert, dass auch kleine Abenteuer zählen. Sie sind viel nachhaltiger, als um die Welt zu reisen. „Die Zeit in der Natur ist wichtig, sie hilft uns, uns zu verbinden. Mit uns“, der Brite Alastair Humphreys weiß, wovon er redet, denn er ist Abenteurer durch und durch. Er ist quer durch den Atlantik gepaddelt, mit dem Rad um die Welt gefahren und durch Indien gewandert. Das hat ihm 2012 die Auszeichnung „Abenteurer des Jahres“ vom National-Geopgraphic-Verlag beschert. Von diesen Erlebnissen hat er auf dem re:MIND-Kongress letzte Woche berichtet, zu dem viele Blogger nach Hamburg gekommen sind. Für mich war er das Highlight des Tages. Obwohl er 60 Länder bereist hat, sind es für ihn die vermeintlich kleinen Dinge, die wirkliche Abenteuer sind. Seine Heimatstadt London zu umwandern fand er ebenso spannend wie seine Reise um die Welt. Und möglicherweise hat er mehr Abenteuer erlebt, als er mit der Geige, (die er nicht spielen kann) und ohne Geld durch Spanien gezogen ist.

Alastair Humphreys, Mikroabenteuer

Alastair Humphreys – das Bild wurde mir von Companions zur Verfügung gestellt.

Mit seinem Thema Mikroabenteuer hat er bei mir irgendwie einen Nerv getroffen. Häufig sehe ich Menschen, die Länder sammeln wie andere Menschen Briefmarken und das macht mich schon länger stutzig. Klar, ich reise gerne. Auch gerne weit weg. Und ich reise oft. Doch in den vergangenen Jahren habe ich gemerkt, dass es ganz nahe Dinge sind, die manchmal mehr Abenteuer sind als eine Flugreise. Und die tiefer gehen. Von denen ich erzähle. Es ist die Nacht, in der meine Tochter und ich unsere Schlafsäcke draußen ausgerollt, Glühwürmchen gesehen haben und vom Igel geweckt wurden, der direkt neben uns laut schmatzte. Das Gefühl im Bauch war übrigens sehr ähnlich wie damals, als ich in Afrika auf Safari war. So weit muss es nicht immer sein. Es ist die Schwitzhüttenzeremonie mit den glühenden Steinen und dem gemeinsamen Singen. Oder die Morgenmeditation, wenn ich unterwegs in den Sonnenaufgang schaue, die mir mehr im Gedächtnis bleiben, als Touren im Bus durch exotische Länder. Und genau von diesen Erlebnissen brauchen wir mehr.Mikroabenteuer

Wenn wir bei nachhaltigen Produkten auf Dinge aus der Region achten, gilt erst recht für das Reisen. Denn es sind die kleinen Schritte und die vielen Alltagsentscheidungen, die wir treffen und die letztendlich darüber entscheiden, wie nachhaltig wir leben. Wer es 100 Prozent hinbekommt, dem gilt mein ganzer Respekt, ich schaffe das nicht, mein Leben stets nachhaltig zu organisieren. Doch ich versuche, ständig besser darin zu werden. Und dabei steht nun das Reisen auf dem Prüfstand. Es ist mein Beruf, deswegen werde ich das Fliegen nicht sein lassen. Aber meine Entscheidungen noch bewusster zu treffen, als ich es ohnehin schon mache, das ist ein gutes Ziel. Wer hier aufmerksam mitgelesen hat, wird sehen, dass ich viel in der Nähe unterwegs war und bin, Harz, Spessart, Nordsee. Beim Waldbaden, der Wattwanderung oder dem ersten Schnee.

Mikroabenteuer, Abenteuer vor der Haustür, Microadventure, im Bild. Spinnennetz im Morgentau

Ich habe mich letztendlich auch bewusst entschieden, jede weite Reise auf ihren Sinn und Zweck zu prüfen. Ich brauche keine Reisen als Statussymbol. Wohl aber, um zu entdecken und aus meinem Trott rauszukommen. Und vor allem rauszukommen, denn wir verbringen zu wenig Zeit in der Natur.

„Wir müssen unsere Abenteuer lokaler machen“, sagt Humphreys. „Du kannst überall Entdeckungen machen, also fang gleich damit an und springe in den nächsten Fluss.“ Genau. Nicht am Rande stehen und nicht auf morgen verschieben, sondern reinspringen. Gleich jetzt. Heute. Ich liebe es übrigens von Felsen zu springen, seitdem ich auf Milos meine Angst davor überwunden habe. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Und das geht auch am nahen Badesee, an dem wir als Familie übrigens mit die schönsten Sommererlebnisse hatten, an die ich mich erinnern kann.

Mikroabenteuer

Der Sprung ins Wasser

Entschuldigungen gibt es immer, die Kinder, die Arbeit, das Wetter – aber das zählt nicht. Denn letztendlich geht es darum, seine Angst zu überwinden und eben genau das zu tun, was einem Furcht bereitet. Oder Unwohlsein. Also auf zur Wattwanderung oder Nachtwanderung. Schnappt Euch den Rucksack und wandert einfach mal von der Haustür aus los oder zieht im Wald Schuhe und Strümpfe aus und watet durch den Matsch (will ich unbedingt als nächstes Mikroabenteuer machen). Draußen ist es zu kalt für Barfußlaufen? Seht Ihr, schon wieder eine Ausrede.

Was sind Eure Ideen für Mikroabenteuer? Gerhard von Kapff hat dazu eine schöne Seite. Tanja von Spaness hat auch schöne Ideen dafür. Oder Steffi von In der Nähe bleiben. Und ganz viele andere hier im Netz auch.

Remind_Statement_Alastair

Alastair Humphreys habe ich auf der re:MIND-Konferenz getroffen. Ein Kongress, der von der Otto-Nachhaltigkeitsabteilung organisiert wurde, und zu dem ich hingefahren bin, weil ich regelmäßig für den Reblog schreibe. Unter anderem auch über exotische Reisen, die sich auch ganz nah umsetzen lassen. Ich bin zu dem Kongress eingeladen worden.

 

6 Kommentare

  1. Was für ein schöner Beitrag. Ich bin insgesamt ganz deiner Meinung. In diesem Jahr war ich ganz „ungeplant“ auch nur 1x ins Ausland verreist und muss so im Nachhinein feststellen, dass es nicht schlimm war. Unsere Kurzurlaube in der sächsischen Schweiz haben mir mindestens genauso viel gegeben. Viele Ideen für Mikroabenteuer habe ich vor ein paar Jahren aus Andreas Kielings Buch „Unterwegs im wilden Deutschland“ mitgenommen. An der Umsetzung hat es aber irgendwie noch gescheitert… Problematisch empfinde ich, dass unsere Landschaft zu großen Teilen tatsächlich schon so zubetoniert, verödet und totgespritzt ist, sodass man man um naturbezogene Mikroabenteuer erleben zu können, tatsächlich schon recht weit wegfahren muss. Und das finde ich traurigst! Und nachhaltig ist es auch nicht…

    • Was für eine schöne Antwort, danke dir! Das Buch klingt spannend, da muss ich gleich mal schauen, danke für den Tipp. Und die Sache mit der Landschaft, da hast du natürlich total Recht, das ist das, was ich auch immer wahrnehme, wenn ich von weiteren Reisen wiederkomme. Hier ist alles so voll, so durchorganisiert, selbst die Landschaft wird nicht in Ruhe gelassen – oder eben totgespritzt. Leider gerade auf dem Land oder in den Gärten, wo noch viele Gifte eingesetzt werden. Ich kann sowas nicht verstehen. Als ich noch Bienen hatte, hieß es von Seiten der Imker, dass gar nicht die Bauern so sehr das Problem seien, weil sie die Gifte „richtig“ dosieren, allein schon aus Kostengründen, sondern der Kleingärtner, der in Summe viel mehr von dem Gift auf die Fläche bringt. Leider habe ich das nie weiterverfolgen können, war aber ein Ansatz, der mich sehr nachdenklich gemacht hat.
      Liebe Grüße

  2. Liebe Andrea,

    Dein Eintrag ist so ganz nach meinem Herzen!
    Ich bin dabei den Harz zu erforschen, was mir wahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr gelingen wird. Zu viel Fußarbeit! 😉

    Ich habe einen sehr passenden Spruch aus meinem Poesiealbum:
    „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“

    Lieben Gruß,
    Lilo

  3. Andrea Wagner

    Wunderbarer Bericht von dir, danke. Zu Hause ist es immer am schönsten und ich genieße intensiv die vier Jahreszeiten. Mit dem Fahrrad machen wir öfters Fahrradtouren und erleben die Natur dadurch sehr intensiv
    LG Andrea

    • Liebe Andrea, dass es zuhause am schönsten ist, will ich gar nicht sagen, das finde ich nicht immer. Aber das, was man hat, wieder bewusst zu genießen steckt hinter diesem Gedanken, und das finde ich sehr schön, denn das ist ja auch ein Aspekt der Nachhaltigkeit. Und ja, Fahrradfahren ist auch etwas, das man viel öfter machen sollte, da ist eigentlich immer Luft nach oben, oder?
      Liebe Grüße

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